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1961 kamen erste türkische Arbeiter zu Ford
Autor/Redaktion: Uschi Kettenmann · 21. Oktober 2011
Arbeitskräfte waren knapp Anfang der 1960er Jahre. Die Arbeitslosenquote in Deutschland lag bei einem Prozent, es herrschte Vollbeschäftigung. Auch bei Ford in Köln, wo händeringend weitere Hilfskräfte gesucht wurden.
Ford Produktion Taunus 12 M, 1962.
Ford brauchte Anfang der 1960er dringend Mitarbeiter – auch zur Produktion des neuen Ford Taunus 12 M, 1962.
So begannen die Ford-Werke im Herbst 1961 mit der gezielten Anwerbung türkischer Mitarbeiter. Grundlage hierfür war das Deutsch-Türkische Anwerbeabkommen, das am 30. Oktober 1961 in Bad Godesberg unterzeichnet wurde. Es trat rückwirkend zum 1. September 1961 in Kraft. In Istanbul wurde die Deutsche Verbindungstelle eingerichtet – eine Außenstelle des deutschen Arbeitsamtes.
Arbeitsvertrag türkischer Mitarbeiter 1961
Die Arbeitsverträge waren zweisprachig…
Die ersten türkischen Gastarbeiter kamen als Sammelgruppe am 27. September 1961 nach über 50 Stunden Zugfahrt am Bahnhof Köln-Deutz an und wurden direkt zu den Ford-Werken nach Köln-Niehl gebracht. In den Folgejahren stieg die Zahl der türkischen Mitarbeiter schnell an: 1965 beschäftigen die Ford-Werke bereits 6.277 türkische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die größte Belegschaftstärke türkischer Mitarbeiter erreichte Ford 1972 – damals arbeiteten 12.368 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Türkei bei Ford.
Arbeitsvertrag türkischer Mitarbeiter 1961
… und auch von der türkischen Arbeitsverwaltung abgezeichnet.
Die Anwerbung türkischer Mitarbeiter ab 1961 setzte in den folgenden 50 Jahren tiefgreifende Veränderungen innerhalb der Belegschaft der Ford-Werke in Gang. Neue Mitarbeiter aus einem anderen Kulturkreis mussten integriert werden, Sprachbarrieren überwunden und auch das Freizeitangebot ausgeweitet und angepasst werden. Schon früh war den Verantwortlichen klar, dass die neuen Mitarbeiter Hilfe brauchen würden, um sich in der für sie fremden Kultur einzuleben. So stellte Ford beispielsweise Dolmetscher zur Verfügung, um zu übersetzen und die Einarbeitung zu erleichtern. Im Laufe der Jahre wurden aus den verschiedensten Starthilfen schließlich feste Einrichtungen, da viele türkische Mitarbeiter – anders als zunächst erwartet – auf Dauer in Köln eine Heimat fanden.
Eine der wichtigsten Fragen, war sicherlich die Unterbringung der Mitarbeiter. Während die ersten türkischen Mitarbeiter noch in Übergangswohnheimen wohnten, stellten die Ford-Werke ab 1962 ihren ausländischen Arbeitern neu errichtete Wohnheime zur Verfügung. Im Laufe der Jahre wuchs die Zahl der von Ford gemieteten Wohnheime in Köln auf bis zu 30 Einheiten an. Aufgrund des sinkenden Bedarfs an Wohnraum und auch wegen der enormen Unterhaltungskosten, gab Ford die Wohnheime schließlich auf, 1998 wurde das letzte Wohnheim von Ford in Köln geschlossen.
Ford Produktion 1960er Näherei KarosseriewerkFord Produktion 1960er Näherei Karosseriewerk
Ab 1965 gab es für die inzwischen 6.277 türkischen Mitarbeiter (links in der Näherei, rechts im Karosseriewerk) auch Betriebsversammlungen in türkischer Sprache.
Auch auf religiöse Belange und damit verbundene Vorschriften nahm das Unternehmen von Beginn an Rücksicht: So boten die Kantinen bei Ford zum Beispiel schon seit Anfang der 1960er Jahre mindestens ein schweinefleischfreies Gericht an. Ein Freizeitangebot erleichterte die Eingewöhnung und Integration. So veröffentlichte die Ford Freizeit Organisation (FFO) bereits 1961 – also im ersten Jahr der Migration türkischer Mitarbeiter – ihr Programm auch in türkischer Sprache. Angeboten werden seitdem speziell auch für türkische Mitarbeiter verschiedene Möglichkeiten der Freizeitgestaltung wie Fußball, Tischtennis, Tavla (türkische Variante des Backgammons) und Schach. Schon 1964 bestritt eine rein türkische Ringer-Mannschaft der Ford-Werke den ersten Vergleichswettkampf gegen eine Mannschaft aus der Kölner Region. 1978 gründete sich eine türkische Fußballmannschaft innerhalb des CfB Ford Niehl 09/52 e.V., die eigene Trainer und Betreuer hat.

Selbstverständlich war anfangs für die „Kölner Türken“ die Heimat das beliebteste Urlaubsland. Viele machten sich jedes Jahr mit der gesamten Familie und einem voll beladenen Auto auf die beschwerliche und lange Reise. 1973 bot Ford seinen Mitarbeitern zur Erleichterung erstmals während der Werksferien besonders günstige Charterflüge in die Türkei an.
Ford Produktion Granada
Höchststand: 1972 arbeiteten über 12.000 türkische Mitarbeiter bei Ford, wie hier bei der Produktion des Granada.
Im Laufe der Zeit nahmen auch immer häufiger auch türkische Mitarbeiter die Integration selbst in die Hand und traten für ihre Belange ein. Bereits 1972 wurde der türkische Mitarbeiter Mehmet Özbagci als erster türkischer Arbeitnehmer in den Betriebsrat gewählt. 1978 wurde Salih Güldiken auch in den Aufsichtsrat berufen, dem er bis zu seiner Pensionierung 1997 angehörte.

Viele türkische Mitarbeiter der ersten Stunde wurden mittlerweile längst auch als Jubilare geehrt oder sind bereits im Ruhestand. Es ist keine Seltenheit, dass ihre Kinder und Enkel ebenso seit Jahren zur Belegschaft gehören. Viele von ihnen haben deutsche Schulen besucht, sind mittlerweile deutsche Staatsangehörige, haben studiert und bekleiden heute bei Ford gehobene Positionen als Ingenieure und in der Verwaltung. Zum 40. Jahrestag der Migration wurde 2001 von deutschen und türkischen Beschäftigten das offiziell anerkannte Mitarbeiternetzwerk Turkish Resource Group (TRG) ins Leben gerufen.

Aus den Anfängen des Jahres 1961 hat sich in fünf Jahrzehnten eine breite kulturelle Vielfalt innerhalb der Belegschaft bei Ford entwickelt. Heute beschäftigt Ford rund 3.500 Mitarbeiter aus der Türkei – unter den Arbeitnehmern aus 50 Nationen stellen sie noch immer den größten Anteil. Viele Ford-Mitarbeiter der zweiten und dritten Generation sind in Deutschland geboren und haben daher einen deutschen Pass. Ebenso haben einige Einwanderer der ersten Generation mittlerweile die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen.

Anlässlich des 50. Jahrestags des Anwerbeabkommens mit der Türkei unterstützen die Ford-Werke eine Ausstellung über die Geschichte der türkischen Migration in Deutschland. Die von dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) organisierte Ausstellung unter dem Motto „Geteilte Heimat“ – „Paylaşılan Yurt“ wird in verschiedenen Städten zu sehen sein: Vom 31. Oktober bis 14. November 2011 im Deutschen Historischen Museum in Berlin, vom 4. bis zum 30. November im Historischen Rathaus (Spanischer Bau) in Köln und vom 8. November bis zum 4. Dezember 2011 im Landtag NRW in Düsseldorf.
Kategorie(n):
Industrie
Zeitgeschichte
© Fotoquelle / Bildrechte: Ford
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Kommentare
T M schrieb: (21.10.2011)
schöner Bericht, nur zeigt das Bild ganz oben die Produktion des 12m (P6), der nie in Köln, sondern nur im belgischen Genk vom Band lief.
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