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SL-Urahn: die Entwicklung des W 194
Autor/Redaktion: Uschi Kettenmann · 10. Januar 2012
Daimler hat in Detroit die sechste Generation der SL-Klasse vorgestellt und feiert bei dieser Gelegenheit auch 60 Jahre SL. Zwar kam der erste SL als Seriensportwagen 1954 auf den Markt. Sein Urahn aber ist zwei Jahre älter. Die Wurzeln der SL-Klasse liegen im Rennsport: Anfang der 1950er Jahre entwickelt Mercedes-Benz den Rennsportwagen 300 SL (Baureihe W 194).
Mercedes-Benz 300 SL W 194
Der Urahn aller Mercedes-Benz-SL: der Rennsportwagen 300 SL (Baureihe W 194).
Das erste Motorsportfahrzeug von Mercedes-Benz nach dem Zweiten Weltkrieg entsteht zu einer Zeit, als Europa noch in Trümmern liegt: Am 15. Juni 1951 beschließt der Vorstand, ab 1952 wieder an Sportwagenrennen teilzunehmen, und gibt endgültig den Bau des „300 Super-Leicht“ in Auftrag, wie der neue Wagen zunächst getauft wird. Später kürzt man den Zusatz durch die Buchstaben SL ab – so entsteht die Typenbezeichnung 300 SL. Sein Motor M 194 ist abgeleitet vom Aggregat der Repräsentationslimousine Mercedes-Benz 300, dem sogenannten Adenauer-Mercedes. Für den Einsatz im Rennsportwagen steigern die Ingenieure die Leistung auf rund 170 PS / 125 kW. Der Sportmotor wird, versehen mit Trockensumpfschmierung, im Winkel von 50 Grad nach links liegend eingebaut.
Mercedes-Benz 300 SL W 194
Durchsichtzeichnung des Rennsportcoupés.
Die Karosserie dieses ersten SL nimmt bereits Kennzeichen der späteren Serien-Sportwagen vorweg. Dazu gehört das flache Rennwagengesicht aus der Vorkriegszeit mit einem auf dem Gitter der Kühlluftöffnung angebrachten Mercedes-Stern. Charakteristisch für das Coupé sind die berühmten Flügeltüren: Sie sind tief in das Dach eingeschnitten, öffnen nach oben und sind zunächst als reine Einstiegsluken nur bis zur Gürtellinie ausgeführt. In den Vorbereitungen der „24 Stunden von Le Mans“ werden die Türausschnitte vergrößert und erinnern nun noch stärker an ausgebreitete Flügel, weshalb der Wagen von den Amerikanern „Gullwing“ (Möwenflügel) und von den Franzosen „Papillon“ (Schmetterling) getauft wird.

Leichtbau hat beim 300 SL hohe Priorität. Wo man kann, wird Gewicht eingespart – die Karosserie besteht aus besagtem Aluminium-Magnesium-Blech, verschiedene mechanische Komponenten ebenfalls aus Aluminium und Magnesium, und diverse Teile sind durch Bohrungen erleichtert, wo es nur geht. Eine weitere Option zur Wettbewerbsfähigkeit ist es, einen möglichst windschlüpfigen Aufbau zu finden. Rudolf Uhlenhaut, zu diesem Zeitpunkt Leiter des Pkw-Versuchs bei Daimler-Benz, entwickelt für den W 194 einen lediglich 50 Kilogramm schweren Rahmen aus sehr dünnen hochlegierten Stahlrohren, die nur auf Druck und Zug beansprucht werden.
Mercedes-Benz 300 SL W 194 Rudolf Uhlenhaut
Rudolf Uhlenhaut mit einem 300 SL Coupé auf dem Stuttgarter Rotenberg im Jahr 1953.
Der Innenraum ist voll verkleidet und strahlt eine für einen Rennwagen ungewöhnliche Behaglichkeit aus. Tacho und Drehzahlmesser liegen perfekt im Blickfeld des Fahrers, darunter sind die etwas kleineren Instrumente für Wassertemperatur, Benzindruck, Öltemperatur und Öldruck sowie eine originale Stoppuhr installiert. Die hochbordigen Schalensitze tragen eine Polsterung aus kariertem Wollstoff, und das Vierspeichen-Lenkrad ist zur Erleichterung des Einstiegs abnehmbar.

Der Ur-SL absolviert die ersten Probefahrten im November 1951 auf der Solitude-Rennstrecke vor den Toren Stuttgarts, auf dem Nürburgring und auf dem Hockenheimring. Der Presse wird das Fahrzeug am 12. März 1952 auf der Autobahn zwischen Stuttgart und Heilbronn vorgestellt.
Mercedes-Benz 300 SL W 194 Le Mans 1952
Einer von vielen 300 SL-Erfolgen im Jahr 1952: Doppelsieg für Mercedes-Benz beim 24-Stundenrennen von Le Mans.
Die Rennsaison 1952 verläuft für den Mercedes-Benz 300 SL außerordentlich erfolgreich. Die Ergebnisse der Einsätze lauteten: Plätze zwei und vier bei der Mille Miglia, Dreifachsieg beim Preis von Bern für Sportwagen, Doppelsieg bei den 24 Stunden von Le Mans, Vierfachsieg beim Großen Jubiläumspreis vom Nürburgring für Sportwagen und ein Doppelsieg bei der 3. Carrera Panamericana in Mexiko. Insgesamt werden vom W 194 für die Saison 1952 zehn Fahrzeuge gebaut. Für das folgende Jahr wird bereits ein Nachfolgemodell mit Transaxle-Getriebe, Kraftstoff-Direkteinspritzung und neuer Hinterachse entwickelt, der als elfter gebauter SL auch W 194/11 genannt wird.
Mercedes-Benz 300 SL W 194
Der verfeinerte Flügeltürer sollte 1953 abermals die Konkurrenz dominieren, blieb aber ein Einzelstück.
Doch er kommt in der Saison 1953 nicht mehr zum Renneinsatz. Denn vom Jahr 1954 an startet Mercedes-Benz in der Formel 1, und aus dem W 194 wird der Seriensportwagen 300 SL (W 198) entwickelt. Die Marke hatte sich mit einem Paukenschlag im Motorsport und über den Werbeeffekt zugleich im internationalen Marktgeschehen zurückgemeldet. Der Serienwagen wird zum Traumsportwagen der 1950er-Jahre und erhält 1999 die Auszeichnung „Sportwagen des Jahrhunderts“.

Daten: Mercedes-Benz 300 SL (Baureihe W 194), Baujahr: 1952
Stückzahl: 10
Motor: Sechszylinder-Reihenmotor, obenliegende Nockenwelle, drei Solex-Doppelvergaser, Trockensumpfschmierung, Hubraum: 2995 ccm
Leistung: 170 PS / 125 (125 kW) bei 5200U/min
Leergewicht: ca. 1060 kg
Höchstgeschwindigkeit: 230 km/h
Kategorie(n):
Oldtimer
© Fotoquelle / Bildrechte: Daimler AG
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