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Beginn der mobilen Freizeit: Die Westfalia Camping-Box
Autor/Redaktion: Gerhard Prien · 13. September 2011
Wir schreiben das Jahr 1951. Der VW Bus ist erst seit einem Jahr auf dem Markt. Sein Grundpreis. 5975 Mark. Es gibt ihn als Kastenwagen und Kombi. Und seit kurzem als Samba: So nennt der Volksmund den feinen kleinen Reise-Bus mit Rundum- und Dachrandverglasung sowie einem großen Schiebeverdeck.
Westfalia Camping-Box VW Bus
Generell warten 4,5 Kubikmeter ummantelter Raum auf die Aufgaben des startenden Wirtschaftswunders – oder auf die Ideen eines findigen Kunden. Denn die Camping-Box getaufte Bulli-Ausstattung ist die Idee eines in Deutschland stationierten britischen Offiziers. Seine Bestellung bei Westfalia ist einfach: Er möchte einen VW Transporter mit Wohneinrichtung. Die soll ordentlich im Bulli verbaut und befestigt und obendrein als Schlaf-, Wohn- und Arbeitsraum geeignet sein. Bei Westfalia nimmt man also einen VW Bus mit Doppeltür zwischen B- und C-Säule und montiert hinter den Vordersitzen das variable Möbelelement. Die Ausstattung besteht aus einer Schlafcouch, einem Klapptisch, einer Sitzbank, einem Jalousieschrank und einem Sidebord mit Fach für einen Spirituskocher.
Westfalia Camping-Box VW BusWestfalia Camping-Box VW Bus
Mit Winker und Spirituskocher: Die erste Campingbox entstand 1951.
So ausgerüstet macht die Campingbox den VW Transporter zum multifunktionalen Traumwagen der 1950er Jahre. Auch mit gerade mal 1,1 Liter Hubraum und anfänglich eher schlappen 25 PS schafft es das Hotel auf Rädern nach Grömitz, Garmisch oder Rimini. Die gesamte Einrichtung der Camping-Box kann in einem Schrank zusammen gepackt und auch im Haus als Schlafgelegenheit für Gäste genutzt werden. Im Fahrzeug können bis zu drei Personen bequem schlafen, während der Fahrt wird aus den Polstern eine gemütliche Sitzecke. Der Schrank kann mit einem zweiflammigen Benzin- oder Spirituskocher ausgestattet werden. Im Laufe der Bauzeit kommt zur Campingbox ein größerer Kleiderschrank, in dem Kleidungsstücke nun auch hängen können. In den ersten Jahren war der Schrank recht flach, die Kleider konnten nur gelegt werden.

Besonders pfiffig: Die Campingbox kann mit wenigen Handgriffen aus dem Bus entfernt werden, der Raum zwischen Vordersitzen und Motor steht für Transportaufgaben bereit. So kann der Bulli als Lastesel am Aufbau der jungen Republik mitwirken, im Einsatz bei Handwerkern oder Gewerbetreibenden. Zunächst bleibt der große Markterfolg dem Bulli mit Campingbox verwehrt. Aber die Fertigung kommt langsam in Gang. Es finden sich immer mehr Interessenten, die, neben dem Kaufpreis für einen Transporter in Höhe von knapp 6.000 Mark, noch weiteres Geld ausgeben können – und wollen. Zum Beispiel für das Sidebord in der Campingbox für fast 600 Mark, oder 125 Mark für den Kleiderschrank. Mit 62,50 Mark relativ günstig ist der Wasch- und Rasierschrank, der an der Doppel-Flügeltür montiert wird.
Westfalia Camping-Box VW Bus Export Prospekt
1955 gesellt sich die Camping-Box -Export hinzu: Sie unterscheidet sich durch eine Dachklappe und eine Gepäckgalerie dahinter auf dem Dach.
Die erste Ausbaustufe der Campingbox mit dem Namen „Export“ kommt im Jahre 1955, zu erkennen an einer Klappe im vorderen Teil des Fahrzeugdaches und einer stabilen Gepäckbrücke dahinter. Die Campingbox bleibt zehn Jahre lang im Programm. Sie wird im Lauf der Zeit immer besser ausgestattet, bekommt schließlich sogar einen Gaskocher im Sideboard verpasst. Der Gipfel des Luxus ist eine fest auf einem Serviertisch stehende Bord-Bar mit Plexiglashaube, zu deren Lieferumfang zehn Cocktailbecher gehören.

Wegen der relativ hohen Preise verabschieden sich viele Interessenten vom Campingbus-Traum. Das ändert sich mit dem Möbelprogramm Mosaik. Damit können begabte Heimwerker sich einen gebrauchten Bulli nach eigenen Vorstellungen ausstatten. Und dabei ganz schön sparen. Parallel findet im VW Bus eine schiere „Leistungsexplosion“ statt: Satte 34 – statt bisher 25 – PS werkeln im Heck, auf Wunsch kann sogar eine 1500er Maschine mit 42 PS bestellt werden. Sie verhilft dem Hotel auf Rädern zu einer Höchstgeschwindigkeit von mehr als 100 km/h.
Westfalia Camping-Box VW Bus
Prospekt 1956: „Autowandern mit eigenem Hotel! Das ist heute kein unerfüllbarer Wunschtraum mehr, kein Luxus, den sich nur wenige leisten können.“
1962 gibt es alternativ zu Holz erstmals pflegeleichte Kunststoff-Oberflächen für die Möbel, Amerika lässt grüßen. Eine Klappsitzbank im Heck mit Bettverlängerung über dem Motor ist zu dieser Zeit bereits die Basis der Liegefläche. Der Boxer im Heck stört deshalb überhaupt nicht, im Gegenteil: Er ist Voraussetzung für die hervorragende Raumausnutzung des Transporter. Überzähliges Gepäck kommt auf den Dachträger. Die Einrichtung gleicht im Prinzip den heute üblichen Grundrissen. Es gibt bereits den Dachstaukasten über der Klappsitzbank, unterschiedliche Küchenanordnungen, die Kühlbox und einen Wassertank mit einer Handpumpe. Zudem gibt es ein sich seitlich öffnendes Aufstelldach in zeitgemäßer Optik mit roten und weißen Längsstreifen. Es vergrößert den Lebensraum ganz erheblich, bietet Platz für zwei zusätzliche Liegeflächen, die einer Hängematte verdächtig ähnlich sehen, die Maße belaufen sich auf jeweils 180 x 59 Zentimeter. Das Aufstelldach verfügt außerdem über zwei große Plexiglasfenster und zwei Lüftungsklappen.

Mitte der sechziger Jahre kostet die Wohneinrichtung für den Volkswagen Transporter knapp 2000 Mark. Und: „Wenn Sie mit diesem VW-Campingwagen unterwegs sind, brauchen Sie auf nichts zu verzichten.“ Der Campingbus als Traum-Reisemobil der sechziger Jahre. Zugegeben: Mit Klappsitzbank, Küche mit Kocher und Isolierbox, mit Wasserkanistern und elektrischem Licht im Wohnraum ist alles an Bord, was Urlauber im Campingbus benötigen. Zur Dachklappe und dem seitlich öffnenden Aufstelldach gesellt sich 1965 das Hubdach, eine der simpelsten Möglichkeiten, mehr Platz im Campingbus zu schaffen und um Luft und Licht hineinzulassen. Und hereinregnen kann es auch nicht. Ab diesem Jahr muss auch keiner mehr von den Vordersitzen außen herum laufen um ins Wohnabteil zu gelangen: Jetzt gibt es auf Wunsch einen Durchgang zwischen den Vordersitzen nach hinten.
Westfalia Camping-Box VW Bus
Mitte der sechziger Jahre kostet die Wohneinrichtung der Campingbox knapp 2000 Mark.
Doch trotz allem: Der VW Transporter als Campingwagen ist in den 1950er Jahren in den USA erheblich bekannter als in Deutschland oder Europa. In großen Stückzahlen geht die Einrichtung Westfalia SO 34 über den großen Teich. Es ist die erste Campingeinrichtung, die statt mit einer Oberfläche in Holzfurnier mit einer Kunststoff-Oberfläche in weiß und grau ausgeliefert wird. Erfolgreich in den USA ist auch SO 42, bei der das Fahrzeug bereits isoliert ist. Das später für Westfalia so typische aufstellbare Schlafdach fehlt jedoch noch. Die Einrichtung besteht aus Innenverkleidung, Dachstaukasten, Kühlbox mit Wassertank, Handpumpe und seitlichem Klapptisch, Kleiderschrank mit Spiegel, Staukasten mit Polster und Klapptisch. Der Preis beträgt am 1. September 1965 genau 1.850 D-Mark. Bis 1967 zum Fertigungsende des T1 werden in den USA von rund 15.000 Westfalia-Campingbusse der ersten Generation verkauft. Und auch in Deutschland steigt die Nachfrage. Aus den etwa zehn Campingbussen am Tag um 1960 hat sich inzwischen eine Serienfertigung von durchschnittlich 70 Fahrzeugen pro Tag entwickelt.

Der VW-Campingwagen ist als Freizeitfahrzeug ein Renner geworden. Wie sehr ihn vor allem die Amerikaner lieben, zeigt ein 59er Bus, der 28 Jahre im Besitz einer einzigen Familie war, zwischendrin vererbt wurde – und 1987 ins Henry-Ford-Museum in Dearborn wanderte.
Kategorie(n):
Oldtimer
© Fotoquelle / Bildrechte: Westfalia, Westfalia-Trailergroup GmbH, VW Nutzfahrzeuge
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