Autor/Redaktion: Uschi Kettenmann · 02. September 2010
Von 1900 bis 2005: Rund 30 Fahrzeuge zeigt die Ausstellung „Schweizer Autos“, vorne der Rinspeed Senso.
Die Schweiz hat eine reiche automobile Vergangenheit, die größtenteils heute in Vergessenheit geraten ist. Selbst Automobilliebhaber bringen – wenn überhaupt – nur ein Dutzend Namen zusammen.
Das ändert die neue Ausstellung „Schweizer Autos“ im Pantheon Basel in Muttenz. Die inzwischen sechste Sonderausstellung seit Eröffnung dieses Forums für Oldtimer im Jahr 2008 zeigt erstmals keine einzelne Marke: Sie bietet einen umfassenden Überblick über die Automobilproduktion der Eidgenossen.
Als Inhaber Stephan Musfeld im Vorfeld recherchierte, kam er bei Wikipedia unter dem Stichwort „Schweizer Automobilmarken“ gerade mal auf 49 Firmennamen. „Nach Abschluss der Recherchen zur Sonderausstellung Schweizer Autos waren wir auf über 90 Marken. Das sind für ein Land, das heutzutage nur in Nischen der Automobilproduktion aktiv ist, erstaunlich viele,“ so Musfeld.
Patent Motorwagen Popp von 1900
Bereits um die Jahrhundertwende und kurz danach entstanden in der Schweiz rund 30 Firmen, die Automobile herstellten. Ein Zentrum war Genf – mit Firmen wie CIEM-Stella, Dufaux, Motosacoche, Pic-Pic und Sigma. Ein Detail dazu: 1905 fuhr Frédéric Dufaux mit seinem sagenhaften 26,4-Liter-4-Zylinder-Dufaux in Südfrankreich den Geschwindigkeitsweltrekord: 156.5 km/h.
So kam es nicht von ungefähr, dass sich in der Calvinstadt der Genfer Automobil-Salon ansiedelte. 1905 wurde der Salon erstmals als „Nationale Automobil- und Fahrradausstellung“ durchgeführt und hat sich seither zu einer der international bedeutendsten Messen der Automobilindustrie entwickelt.
Von der Rhone an die Limmat: Turicum, der lateinische Name für Zürich, war eine der erfolgreichsten Schweizer Automobilmarken der Frühzeit. Zwischen 1905 und 1912 verließen rund 1.000 Mal Fahrzeuge die Fabrik in Uster. Auch Ajax, Arbenz, Egg & Egli, Fischer, Franz/FBW, Tribelhorn und Weber waren im Züricher Raum ansässig.
Motorwagen Turicum aus Uster bei Zürich
Die bedeutendste Schweizer Automarke ist sicherlich Martini. Die Firma im neuenburgischen Saint-Blaise existierte von 1897 bis 1934 und produzierte in dieser Zeit rund 3'500 Fahrzeuge, darunter auch einen Phaëton. Obwohl auch im Luxussegment vertreten, profitieren die Martini von ihren sportlichen Erfolgen. Im Klausenrennen von 1929 zum Beispiel, belegten Martinis jeweils die ersten vier Plätze in beiden Rennkategorien. Noch heute existiert in Saint-Blaise die denkmalgeschützte „Cité Martini“, die ehemaligen Wohnhäuser der Martini-Mitarbeiter.
1926 auf dem Genfer Auto-Salon vorgestellt: Der Martini Six wurde in Deutschland auch als Steiger-Martini vermarktet.
1913 verkehrten in der Schweiz rund 5.200 Personenwagen, 1.629 davon waren Schweizer Autos, darunter 530 Martini, 332 Pic-Pic und 140 Turicum. Im selben Jahr wurden 842 Schweizer Fahrzeuge im Wert von 13,3 Millionen Franken exportiert und 966 ausländische Wagen im Wert von lediglich 8,9 Millionen Franken importiert – der Schweizer Automobilindustrie ging es gut.
Das änderte sich innerhalb von 30 Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb hauptsächlich noch die Lastwagenbranche aktiv: Neben den Arbenz, Berna und FBW erinnert man sich wohl am ehesten an die Lastwagen- und Busse von Saurer aus Arbon am Bodensee. Was 1853 mit der Gründung der Giesserei Franz Saurer in St. Georgen bei St. Gallen begann, hörte 1982 mit dem Entscheid, die Fahrzeugproduktion einzustellen, auf.
Von 0 auf 200 km/h in 6,5 Sekunden: Monteverdi Formel 1 von 1990
Im Bereich der Personenwagen trat nach dem Zweiten Weltkrieg nur Enzmann aus Schüpfheim in Erscheinung, ein zwischen 1956 und 1968 auf abgeändertem VW-Chassis gebauter, preisgünstiger Kunststoffsportwagen. Und natürlich Peter Monteverdi, der zwischen 1967 und 1982 unter seinem Namen großvolumige amerikanische Motoren und italienische Designerkarosserien auf Chassis montierte und, international erfolgreich, rund 3.000 Exemplare verkaufte, und der 1990 – weniger erfolgreich – für kurze Zeit in die Formel 1 einstieg.
Konzeptfahrzeuge: Horlacher Ei von 1988 und Rinspeed X-Trem von 1999.
Die Schweizer Automobilindustrie hat sich in Nischensegmente der High Tech Zulieferung zurückgezogen – eine Schweizer Automarke im gängigen Sinn gibt es heute nicht mehr. Dafür machen Namen wie Peter Sauber und Frank Rinderknecht mit Rinspeed heute mit Renn- und Sportwagen international Furore.
Die Ausstellung bietet einen umfassenden Überblick über die Schweizer Automobilproduktion von den Anfängen an.
Rund 30 Fahrzeuge von 1900 bis 2005 präsentiert die Ausstellung in Basel – darunter einige Perlen. Weitere 60 Firmen werden auf Plakaten mit Abbildungen und Kurzbeschreibungen vorgestellt. Diese Texte und Fotos sind übrigens auch in einer sehr empfehlenswerten Broschüre zusammengefasst, die für 10 CHF im Pantheon zu bekommen ist. Gleichzeitig mit der Sonderausstellung ist auch das illustrierte Buch „Pantheon Basel“ herausgekommen, das die Geschichte der Muttenzer „Züblinhalle“ und ihre Metamorphose zum „Pantheon Basel“ beschreibt und die verschiedenen Aktivitäten dieses in der Schweiz einmaligen Forums für Oldtimer zeigt. Der Preis: ebenfalls 10 CHF.