| Land der Erinnerungen: So ähnlich sah der Gerüchtekoch Paul Pietsch auf dem Auto Union Typ C 1980 auf deem Nürburgring. Dieses Foto stammt aus dem Jahr 2002. |

Hermanns Gerüchteküche: Über das Jahr der Silberpfeile
Autor: Hermann Ries · 07. Dezember 2009
Es gibt Erlebnisse und Ereignisse, die brennen sich so tief ins Gedächtnis ein, dass man sie niemals vergisst. Für mich war es der Auftritt eines Auto Union Typ C Grand Prix Wagens beim Oldtimer Grand Prix. Ich weiß nicht mehr, ob es 1980 oder 1981 war, jedoch spüre ich jetzt noch, wie die Luft vibrierte, als der Audi-Mechaniker den Motor gestartet hatte und Paul Pietsch, einer der Grandseigneurs des Automobilsports, Gründer von „auto motor und sport“ und ebenso verdienstvoller wie weitsichtiger Verleger, mit gefühlvollen Gasstößen den Motor warmlaufen ließ.
Ich hatte damals gerade mein Volontariat bei „auto motor und sport“ abgeschlossen und durfte eine Reportage über die Klassiker-Clubs beim Oldtimer Grand Prix machen – für einen Jungredakteur eine ehrenvolle Aufgabe. Den Job vergaß ich jedoch für eine gute Stunde – und stand mit einer Gänsehaut im Fahrerlager des Nürburgrings, während der Auto Union Sechzehnzylinder neben mir röchelte, ballerte und schrie. Feuergarben schossen aus den kurzen Flammrohren. Es ging mir durch Mark und Bein, als Pietsch aus der Box rollte, kräftig Gas gab und – untermalt vom bassigen Röhren des Mittelmotors – langsam anfuhr. Es war das erste Mal, dass ich einen der legendären deutschen Vorkriegs-Rennwagen in natura erlebte.
Es war in jenem Jahr, als sich der Nürburgring zum OGP in dicken Nebel hüllte, und Pietsch verschwand mit dem silberfarbenen Boliden hinter der Nebelwand – noch lange war das Gebrüll des Auto Union Boliden zu hören. Es verging eine geraume Weile bis der Wagen sich wieder akustisch meldete: Eine Melange aus Surren, Bellen, Fauchen, mechanischen Geräuschen und eben jenem bassigen Röhren kündigte die Vorbeifahrt des Sechzehnzylinders von Pietsch nach der ersten Runde an – der Auto Union tauchte wie ein Geist aus dem Nebel auf und huschte über die Zielgerade. Der Geruch von verbranntem Rennbenzin lag noch lange ich der Luft – und während ich diese Zeilen schreibe, bilde ich mir ein, dass er mir wieder in die Nase steigt.
Dieses Parfum aus Äthanol, Äther, Rizinus, Toluol und anderen betörenden Essenzen erweckt bei mir auch die noch immer deutlich präsente Erinnerung an die Mercedes-Benz Testtage im Jahr 1991 auf dem Hockenheimring: Das Mercedes-Benz Museum hatte eine Auswahl von Auto-Journalisten eingeladen, die Rennwagen-Schätze der Museums-Sammlung auf der Rennstrecke zu fahren. Ich war damals Redakteur bei „Motor Klassik“ und fotografierte „Motor Klassik“-Chefredakteur Dirk-Michael Conradt im Benz Grand Prix-Wagen von 1908, im rund 500 PS starken W 154 Dreiliter-Grand Prix-Wagen von 1938 und in Fangios Weltmeisterschafts-Siegerwagen der Jahre 1954 und 1955, dem W 196, von einem Begleitfahrzeug aus – nachdem ich auch den Benz wie auch Fangios Autos zuvor gefahren war.
Es war in jenem Jahr, als sich der Nürburgring zum OGP in dicken Nebel hüllte, und Pietsch verschwand mit dem silberfarbenen Boliden hinter der Nebelwand – noch lange war das Gebrüll des Auto Union Boliden zu hören. Es verging eine geraume Weile bis der Wagen sich wieder akustisch meldete: Eine Melange aus Surren, Bellen, Fauchen, mechanischen Geräuschen und eben jenem bassigen Röhren kündigte die Vorbeifahrt des Sechzehnzylinders von Pietsch nach der ersten Runde an – der Auto Union tauchte wie ein Geist aus dem Nebel auf und huschte über die Zielgerade. Der Geruch von verbranntem Rennbenzin lag noch lange ich der Luft – und während ich diese Zeilen schreibe, bilde ich mir ein, dass er mir wieder in die Nase steigt.
Dieses Parfum aus Äthanol, Äther, Rizinus, Toluol und anderen betörenden Essenzen erweckt bei mir auch die noch immer deutlich präsente Erinnerung an die Mercedes-Benz Testtage im Jahr 1991 auf dem Hockenheimring: Das Mercedes-Benz Museum hatte eine Auswahl von Auto-Journalisten eingeladen, die Rennwagen-Schätze der Museums-Sammlung auf der Rennstrecke zu fahren. Ich war damals Redakteur bei „Motor Klassik“ und fotografierte „Motor Klassik“-Chefredakteur Dirk-Michael Conradt im Benz Grand Prix-Wagen von 1908, im rund 500 PS starken W 154 Dreiliter-Grand Prix-Wagen von 1938 und in Fangios Weltmeisterschafts-Siegerwagen der Jahre 1954 und 1955, dem W 196, von einem Begleitfahrzeug aus – nachdem ich auch den Benz wie auch Fangios Autos zuvor gefahren war.
| So wie Hans Herrmann im Jahr 2009 fuhr auch der Gerüchtekoch den Mercedes-Benz W 196 im Jahr 1991 -allerdings höchstens halb so schnell. |
Während der Benz mir alle Kräfte abverlangte, hatte ich vor dem W 196 gehörig Respekt – obwohl er sich sehr handlich, für einen Rennwagen sehr sanft, kultiviert und komfortabel gebärdete. „Sei bloß vorsichtig“, sagte ich mir, „dieses Auto ist unwiederbringlich und repräsentiert einen Wert von 15 Millionen Mark“. Ich rollte also mehr um den Kurs, als dass ich fuhr und werde eines nie vergessen: Tony Dron, englischer Journalist, Rennfahrer und Haudegen, schnürte im W 154 kurz vor der Zielkurve mit einem Höllentempo an mir vorbei, lenkte beherzt ein und schoss im ebenso gekonnten wie spektakulären Vierraddrift auf die Zielgerade.
Obwohl der Reihenachtzylinder „meines“ W 196 kräftig röhrte, übertönte ihn der Zwölfzylinder V-Motor des W 154 noch kräftig mit seinem Gebrüll und dem hysterischen Jaulen des Roots-Doppelkompressors. Die regennasse Fahrbahn, das infernalische Kreischen und Brüllen des W 154 und sein gen Kurvenaußenrand ausgeschwenktes Heck – auch dies hat sich mir unauslöschlich mit einer kräftigen Beschleunigungsspur in mein Gedächtnis gebrannt.
Dass ich vor lauter Fotografiererei an jenem Tag nicht mehr dazu kam, neben W 196, Benz Grand Prix Wagen und 450 SLC 5.0 Rallye auch noch – quasi als Krönung – den W 154 zu fahren, ist mir nur als Marginalie im Gedächtnis haften geblieben. Dafür gab es in diesem Jahr, 2009, ausgiebig Gelegenheit, die Mercedes-Benz Silberpfeile in Aktion zu bewundern: Mercedes-Benz feierte das Jubiläum „75 Jahre Silberpfeil“ und ließ alle silbernen Boliden – vom W 25 des Jahres 1934 bis zum W 196 von 1955 – bei einigen großen Klassik-Veranstaltungen zu Demo-Runden mit Fahrer-Koryphäen wie Hans Herrmann, Jochen Mass, Bernd Schneider, Ralf Schumacher, Tony Dron und sogar Lewis Hamilton auffahren.
Obwohl der Reihenachtzylinder „meines“ W 196 kräftig röhrte, übertönte ihn der Zwölfzylinder V-Motor des W 154 noch kräftig mit seinem Gebrüll und dem hysterischen Jaulen des Roots-Doppelkompressors. Die regennasse Fahrbahn, das infernalische Kreischen und Brüllen des W 154 und sein gen Kurvenaußenrand ausgeschwenktes Heck – auch dies hat sich mir unauslöschlich mit einer kräftigen Beschleunigungsspur in mein Gedächtnis gebrannt.
Dass ich vor lauter Fotografiererei an jenem Tag nicht mehr dazu kam, neben W 196, Benz Grand Prix Wagen und 450 SLC 5.0 Rallye auch noch – quasi als Krönung – den W 154 zu fahren, ist mir nur als Marginalie im Gedächtnis haften geblieben. Dafür gab es in diesem Jahr, 2009, ausgiebig Gelegenheit, die Mercedes-Benz Silberpfeile in Aktion zu bewundern: Mercedes-Benz feierte das Jubiläum „75 Jahre Silberpfeil“ und ließ alle silbernen Boliden – vom W 25 des Jahres 1934 bis zum W 196 von 1955 – bei einigen großen Klassik-Veranstaltungen zu Demo-Runden mit Fahrer-Koryphäen wie Hans Herrmann, Jochen Mass, Bernd Schneider, Ralf Schumacher, Tony Dron und sogar Lewis Hamilton auffahren.
| Star-Parade: Mercedes-Benz Silberpfeile mit Lewis Hamilton, Jochen Mass, Ralf Schumacher und Hans Herrmann 2009 in Untertürkheim. |
Der Reigen der Erinnerungsfahrten begann mit einem Presse-Termin auf der Daimler-Teststrecke in Untertürkheim, als Hans Herrmann, Ralf Schumacher, Jochen Mass und Lewis Hamilton mit den Silberpfeilen über die Strecke donnerten. Das war am 4. Juni 2009, auf den Tag genau 75 Jahre nach dem ersten Rennstart des Mercedes-Benz W 25 beim Eifelrennen 1934, wo die Werksfahrer Manfred von Brauchitsch und Luigi Fagioli einen eindrucksvollen Doppelsieg einfuhren. Spektakuläre Auftritte wie etwa in Goodwood, bei den Classic Days in und um Schloss Dyck, bei einer Showeinlage der von „Auto Bild“ veranstalteten Ausfahrt Hamburg-Berlin und beim Eifelrennen dieses Jahres auf dem Nürburgring beamten sie die Renn-Enthusiasten in die glorreiche Silberpfeil-Zeit vor und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Und nicht wenigen erging es wie dem Gerüchtekoch: Erinnerungen keimten im Zeitraffer auf und sorgten für wollüstige Gänsehäute…
Und wie vor dem Zweiten Weltkrieg trat auch die Auto Union respektive die heutige Audi AG auf den Plan: Wie Mercedes-Benz feierte auch Audi das 75jährige Jubiläum der Silberpfeile. Für historisch interessierte Enthusiasten gehört es zum Grundwissen: Vor dem Zweiten Weltkrieg kämpften die Grand Prix-Rennwagen beider Marken in Silber um Lorbeeren – wobei Mercedes-Benz die Nase vorn hatte: 37 Grand Prix-Siege gingen auf das Konto der Marke mit dem Stern, 24 hingegen fuhren die Boliden aus dem sächsischen Chemnitz ein. Die Rennwagen beider Marken wurden von der zeitgenössischen Presse alsbald als Silberpfeile bezeichnet.
Wann erstmals der Name „Silberpfeil“ auftauchte, hat Mercedes-Benz aufwändig recherchiert und anlässlich eines eintägigen Symposiums im Mercedes-Benz Classic Center am 24. Juli 2007 in Fellbach bei Stuttgart einem hochkarätigen Plenum von Klassik-Journalisten, Automobil-Historikern und Koryphäen aus der Klassik-Szene präsentiert. So hatte das DaimlerChrysler Heritage Information Center für alle Symposium-Teilnehmer dicke Ordner mit Kopien zeitgenössischer Unterlagen und Berichte zusammengestellt, mit zahlreichen Fotos auf CD. Eine solche umfassende Dokumentation setzte selbst erfahrene Fachmänner wie den Briten Doug Nye, den Amerikaner Karl Ludvigsen oder den Deutschen H.C. Graf Seherr-Thoss in Erstaunen. Bei dem Symposium ging es hauptsächlich um die Frage, ob die vom ehemaligen Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer verbreitete Legende, nach der den zuvor weißen Mercedes-Benz Rennwagen in der Nacht vor dem Eifelrennen die Farbe abgeschmirgelt worden sei, damit sie das für die Saison 1934 vorgeschriebene Maximalgewicht von 750 Kilogramm nicht überschritten, wahr sei oder dem Reich der Phantasie entsprungen sei.
Und wie vor dem Zweiten Weltkrieg trat auch die Auto Union respektive die heutige Audi AG auf den Plan: Wie Mercedes-Benz feierte auch Audi das 75jährige Jubiläum der Silberpfeile. Für historisch interessierte Enthusiasten gehört es zum Grundwissen: Vor dem Zweiten Weltkrieg kämpften die Grand Prix-Rennwagen beider Marken in Silber um Lorbeeren – wobei Mercedes-Benz die Nase vorn hatte: 37 Grand Prix-Siege gingen auf das Konto der Marke mit dem Stern, 24 hingegen fuhren die Boliden aus dem sächsischen Chemnitz ein. Die Rennwagen beider Marken wurden von der zeitgenössischen Presse alsbald als Silberpfeile bezeichnet.
Wann erstmals der Name „Silberpfeil“ auftauchte, hat Mercedes-Benz aufwändig recherchiert und anlässlich eines eintägigen Symposiums im Mercedes-Benz Classic Center am 24. Juli 2007 in Fellbach bei Stuttgart einem hochkarätigen Plenum von Klassik-Journalisten, Automobil-Historikern und Koryphäen aus der Klassik-Szene präsentiert. So hatte das DaimlerChrysler Heritage Information Center für alle Symposium-Teilnehmer dicke Ordner mit Kopien zeitgenössischer Unterlagen und Berichte zusammengestellt, mit zahlreichen Fotos auf CD. Eine solche umfassende Dokumentation setzte selbst erfahrene Fachmänner wie den Briten Doug Nye, den Amerikaner Karl Ludvigsen oder den Deutschen H.C. Graf Seherr-Thoss in Erstaunen. Bei dem Symposium ging es hauptsächlich um die Frage, ob die vom ehemaligen Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer verbreitete Legende, nach der den zuvor weißen Mercedes-Benz Rennwagen in der Nacht vor dem Eifelrennen die Farbe abgeschmirgelt worden sei, damit sie das für die Saison 1934 vorgeschriebene Maximalgewicht von 750 Kilogramm nicht überschritten, wahr sei oder dem Reich der Phantasie entsprungen sei.
Eindeutige Beweise konnten weder die Befürworter der Neubauer-Legende noch die Zweifler vorlegen. Doch eines klärte die umfangreiche Faktensammlung: Die Bezeichnung „Silberpfeil“ tauchte 1934 noch nicht auf. Erst ab etwa dem Jahr 1937 bürgerte sie sich langsam ein.
Dennoch ist es historisch korrekt, in diesem Jahr das 75-Jahr-Jubiläum der Silberpfeile zu feiern. Denn es geht ja um die grandiosen Erfolge der Mercedes-Benz- und Audi-Rennwagen, die in den Jahren 1934 bis 1939 nahezu unschlagbar waren – und nicht um die Geburtsstunde der Vokabel „Silberpfeil“ als Synonym für die silberglänzenden unbesiegbaren deutschen Grand Prix-Rennwagen.
Selbst wenn die Frage nach der historischen Richtigkeit auch bei den diesjährigen Silberpfeil-Auftritten immer wieder in der Presse auftauchte – eines ist sicher: „Einen eindeutigen Beweis dafür, dass die von Alfred Neubauer geschaffene Legende stimmt, wird es erst dann geben, wenn ein Foto auftaucht, das die Mercedes-Mechaniker beim Abschleifen des Lacks am W 25 Rennwagen zeigt“, fasste der Mercedes-Benz Pressesprecher für Historische Themen das Ergebnis der Tagung des eintägigen Symposiums im Jahre 2007 zusammen.
Und noch heute beschäftigt die Schmirgel-Legende die Gemüter. So schrieb „Spiegel“-Autor Tom Grünweg am 12.06.2009 unter dem Titel „Die Farbe des Sieges“ auf der Internet-Seite www.spiegel.de: „Zur Magie der Renner gehört neben dem Abonnement auf den Erfolg auch das Rätsel um die Farbe. Während die Rennautos von Audi vom ersten Tag an Silber lackiert waren, ranken sich um die Renner aus Stuttgart viele Legenden. Mittlerweile gültige Sprachregelung, aber alles andere als bewiesen, ist folgende Geschichte: Ursprünglich wollte Rennleiter Alfred Neubauer sein Team 1934 am Nürburgring in der deutschen Motorsport-Nationalfarbe Weiß ins Rennen schicken. Doch weil der Wagen ein paar Gramm schwerer war als die erlaubten 750 Kilo, wurde über Nacht die Farbe abgekratzt, um dem Reglement zu entsprechen und eine Starterlaubnis zu erhalten. Von den metallisch-glänzenden Rennern beeindruckt, prägten daraufhin Journalisten den Begriff Silberpfeil.“
Auch die „Stuttgarter Nachrichten“ befassten sich mit dem Thema „Silber-Weiß“ im Juni dieses Jahres. Unter der Überschrift „Der Silberpfeil entzweit die Experten – Noch immer streiten Motorsportfreunde darüber, wie der Name der Kult-Rennwagen von Mercedes-Benz zustande kam“ berichtet Autor Stefan Klinger über die Silberpfeil-Saga und resümiert: „Die Diskussionen, wie der weltberühmte Spitzname Silberpfeil entstand, werden wohl immer weitergehen. Was gibt es denn Schöneres?“ Dabei traf er den Nagel nicht ganz auf den Kopf: Wie der Name Silberpfeil entstand, das ist historisch geklärt – es lässt sich sogar nachweisen, in welchem Bericht er erstmals auftauchte. Das wird aber Thema einer künftigen Gerüchteküche-Ausgabe sein. Klinger meinte sicher, dass die Legende des Lackabschleifens noch weiterhin für heiße Diskussionen gut sein wird.
Den „missing link“, das Foto, das die Mercedes-Benz Rennmechaniker beim Abschleifen des weißen Lacks von der Alu-Haut des W 25 zeigt, veröffentlichte übrigens die von der Daimler AG herausgegebene Klassiker-Zeitschrift „Mercedes-Benz Classic“: In Ausgabe 3/2007 präsentierte das Historik-Magazin mit dem Stern ein Foto – sogar in Farbe – das vier emsige Mercedes-Benz-Mechaniker beim nächtlichen Abschleifen des weißen Lacks eines W 25 Werkswagens zeigt. Wer genauer hinschaute und den Text las, war sofort im Bilde: Die Redaktion hatte die Szene mit einem Modellauto und Miniatur-Männchen im Maßstab 1:18 nachgestellt – auch um zu zeigen, dass man die Legende mit einem gewissen Schmunzeln hören und weiterverbreiten darf.
Dennoch ist es historisch korrekt, in diesem Jahr das 75-Jahr-Jubiläum der Silberpfeile zu feiern. Denn es geht ja um die grandiosen Erfolge der Mercedes-Benz- und Audi-Rennwagen, die in den Jahren 1934 bis 1939 nahezu unschlagbar waren – und nicht um die Geburtsstunde der Vokabel „Silberpfeil“ als Synonym für die silberglänzenden unbesiegbaren deutschen Grand Prix-Rennwagen.
Selbst wenn die Frage nach der historischen Richtigkeit auch bei den diesjährigen Silberpfeil-Auftritten immer wieder in der Presse auftauchte – eines ist sicher: „Einen eindeutigen Beweis dafür, dass die von Alfred Neubauer geschaffene Legende stimmt, wird es erst dann geben, wenn ein Foto auftaucht, das die Mercedes-Mechaniker beim Abschleifen des Lacks am W 25 Rennwagen zeigt“, fasste der Mercedes-Benz Pressesprecher für Historische Themen das Ergebnis der Tagung des eintägigen Symposiums im Jahre 2007 zusammen.
Und noch heute beschäftigt die Schmirgel-Legende die Gemüter. So schrieb „Spiegel“-Autor Tom Grünweg am 12.06.2009 unter dem Titel „Die Farbe des Sieges“ auf der Internet-Seite www.spiegel.de: „Zur Magie der Renner gehört neben dem Abonnement auf den Erfolg auch das Rätsel um die Farbe. Während die Rennautos von Audi vom ersten Tag an Silber lackiert waren, ranken sich um die Renner aus Stuttgart viele Legenden. Mittlerweile gültige Sprachregelung, aber alles andere als bewiesen, ist folgende Geschichte: Ursprünglich wollte Rennleiter Alfred Neubauer sein Team 1934 am Nürburgring in der deutschen Motorsport-Nationalfarbe Weiß ins Rennen schicken. Doch weil der Wagen ein paar Gramm schwerer war als die erlaubten 750 Kilo, wurde über Nacht die Farbe abgekratzt, um dem Reglement zu entsprechen und eine Starterlaubnis zu erhalten. Von den metallisch-glänzenden Rennern beeindruckt, prägten daraufhin Journalisten den Begriff Silberpfeil.“
Auch die „Stuttgarter Nachrichten“ befassten sich mit dem Thema „Silber-Weiß“ im Juni dieses Jahres. Unter der Überschrift „Der Silberpfeil entzweit die Experten – Noch immer streiten Motorsportfreunde darüber, wie der Name der Kult-Rennwagen von Mercedes-Benz zustande kam“ berichtet Autor Stefan Klinger über die Silberpfeil-Saga und resümiert: „Die Diskussionen, wie der weltberühmte Spitzname Silberpfeil entstand, werden wohl immer weitergehen. Was gibt es denn Schöneres?“ Dabei traf er den Nagel nicht ganz auf den Kopf: Wie der Name Silberpfeil entstand, das ist historisch geklärt – es lässt sich sogar nachweisen, in welchem Bericht er erstmals auftauchte. Das wird aber Thema einer künftigen Gerüchteküche-Ausgabe sein. Klinger meinte sicher, dass die Legende des Lackabschleifens noch weiterhin für heiße Diskussionen gut sein wird.
Den „missing link“, das Foto, das die Mercedes-Benz Rennmechaniker beim Abschleifen des weißen Lacks von der Alu-Haut des W 25 zeigt, veröffentlichte übrigens die von der Daimler AG herausgegebene Klassiker-Zeitschrift „Mercedes-Benz Classic“: In Ausgabe 3/2007 präsentierte das Historik-Magazin mit dem Stern ein Foto – sogar in Farbe – das vier emsige Mercedes-Benz-Mechaniker beim nächtlichen Abschleifen des weißen Lacks eines W 25 Werkswagens zeigt. Wer genauer hinschaute und den Text las, war sofort im Bilde: Die Redaktion hatte die Szene mit einem Modellauto und Miniatur-Männchen im Maßstab 1:18 nachgestellt – auch um zu zeigen, dass man die Legende mit einem gewissen Schmunzeln hören und weiterverbreiten darf.
| The missing link: Dieses Bild zeigt, wie die Mercedes-Benz Rennmechaniker in der Nacht vor dem Eifelrennen 1934 den Lack vom W 25 Grand Prix Rennwagen abschliffen -allerdings im Maßstab 1:18. |
Legenden hin und her: Gottseidank gibt es sie – sonst wäre die Automobilgeschichte nur eine Aneinanderreihung trockener Fakten. Und von mir aus können die Vorkriegs-Rennwagen sogar silber-weiß kariert sein oder grüngelb gestreift gewesen sein: Es gibt kaum Boliden die beeindruckender sind als die nach verbrannter Kupplung, heißem Gummi und dem ebenso betäubenden wie betörenden Aroma von Rennbenzin riechenden Silberpfeile. Schade nur, dass bei keiner der Veranstaltungen in diesem Jahr die Auto Union- und Mercedes-Benz Silberpfeile gemeinsam in Aktion zu bewundern waren. Sie traten jeweils in getrennten Läufen auf.
| Familiensilber: Silberpfeil-Sonderausstellung im Audi museum mobile in Ingolstadt |
Allerdings können seit dem 29. November 2009 Auto Union- und Mercedes-Benz-Silberpfeile gemeinsam bewundert werden. Seit diesem Datum präsentiert das Audi museum mobile unter dem Titel „Familiensilber“ eine Silberpfeil Sonderausstellung (siehe auch meinklassiker.com vom 27. November 2009), zu der das Mercedes-Benz Museum drei der insgesamt zehn ausgestellten Boliden von Untertürkheim nach Ingolstadt entsandte. Für den Gerüchtekoch ist das eine noble Geste mit symbolischer Bedeutung: Bei aller Konkurrenz auf dem Neuwagenmarkt und bei aller Konkurrenz in den Rennen zur Europameisterschaft in den 1930er-Jahren, die mit großer sportlichen Härte ausgetragen wurde, vereint die Historien-Betrachtung die Gegner von einst und von heute unter einem Dach und bietet darüber hinaus einen ebenso spannenden wie ästhetischen Automobil-Genuss. Auto-Menschen mögen Autos – diejenigen der einen Marke etwas mehr, und die der anderen Marke etwas weniger.
| Gastspiel: Mercedes-Benz W 25 Rekordwagen im Audi museum mobile |
Relevante Links:
www.audi.de
www.audi.de/de/brand/de/erlebniswelt/audi_forum ...
www.mercedes-benz.de
© Fotoquelle / Bildrechte: Audi, Daimler, Hermann Ries
Kommentare
Holger Merten schrieb: (10.02.2010)
Das Mercedes Marketing sollte einmal im Archiv des ADAC die Ausschreibung des Eifelrennen ansehen. Da wurde nach Hubraum gewertet, die 750kg Formel nach denen die GP Rennen ausgerichtet wurden, fand hier keine Anwendung. Wie man es in Stuttgart auch dreht und wendet. Die Geschichte oder sagen wir Anekdote ist so wie sie von Mercedes eingesetzt wird und von Norbert Haug medienwirksam im TV verbreitet wird eine Lüge. Zugegeben eine gute Marketinglüge, aber das ein Unternehmen wie Daimler das nötig hat.
Selbst Daimler streitet nicht ab, dass das Eifelrennen nach der freien Formel ausgetragen wurde. In der Eifelrrennen-Ausschreibung zählt nur der Hubraum, über 1500 ccm, bis 1500 ccm, und bis 800 ccm (als Klassenwertung im 1500er Lauf).
Tatsache ist, das keiner der Presseberichte über das AVUS-Rennen in der Woche zuvor in irgendeiner Form Verwunderung über den silbernen Auftritt der Auto Union ausdrückt. Da kann man schliessen, dass "silber" zudem Zeitpunkt nicht mehr diskussionswürdig war und es sich nicht mehr lohnte, darüber zu berichten. Die Vorgeschichte allerdings ist noch unbekannt, sie muss es aber geben. Spätestens beim GP in Montlhery hätten die Franzosen genüsslich jedes deutsche Auto, dass nicht bis zum letzten Detail dem Reglement entspricht, durch die technische Abnahme rasseln lassen, wenn weiss noch die Rennfarbe der Deutschen gewesen wäre.
Mal sehen wie lange man in Stuttgart noch an den Schrauben der Geschichte dreht, scheinbar hat man es nötig, der Ruf des Sterns war auch mal besser. Schade.

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