| Einst König der Roller, heute Traum der Kleinstwagen-Gemeinde: FMR TG 500 beim Solitude Revival 2011. |

Das Jahr des Tigers
Autor/Redaktion: Uschi Kettenmann · 28. Dezember 2011
Eigentlich war 2010 das Jahr des Tigers – zumindest in China. Hierzulande schien eher 2011 das Jahr des Tigers zu herrschen – automobilistisch gesehen. Denn noch nie wurden bei historischen Motorsportveranstaltungen so viele FMR Tg 500 (Messerschmitt Tiger) auf einem Haufen von ihren Dompteuren über die Rennstrecke gejagt.
Nur rund 300 Exemplare der vierrädrigen Sportversion des Messerschmitt Kabinenrollers (der aus namensrechtlichen Gründen offiziell nie Tiger heißen durfte) wurden zwischen 1958 und 1961 gebaut, circa 155 existieren heute noch weltweit, wenn auch viele davon nicht fahrbereit oder gar in bemitleidenswertem Schrottzustand. In Deutschland sind derzeit 27 Fahrzeuge zugelassen – Limousinen, Cabrios und Roadster.
War der Kabinenroller KR 200 in den 1950ern das große Glück der Zweiradfahrer, endlich ein Dach über dem Kopf zu haben, so tummelte sich ab 1958 der Tiger mit seinen 500ccm und 20 PS – und damit doppelt so viel wie sein kleiner Bruder – schon bald auf den Strecken und in den Ergebnislisten verschiedener Berg- und Flugplatzrennen, oft mit seinem Konstrukteur Fritz Fend am Steuer. Der hatte das Zweizylinderherz von vier Werks-Renntigern auf 34 PS und 145 km/h Höchstgeschwindigkeit hochgetrimmt.
War der Kabinenroller KR 200 in den 1950ern das große Glück der Zweiradfahrer, endlich ein Dach über dem Kopf zu haben, so tummelte sich ab 1958 der Tiger mit seinen 500ccm und 20 PS – und damit doppelt so viel wie sein kleiner Bruder – schon bald auf den Strecken und in den Ergebnislisten verschiedener Berg- und Flugplatzrennen, oft mit seinem Konstrukteur Fritz Fend am Steuer. Der hatte das Zweizylinderherz von vier Werks-Renntigern auf 34 PS und 145 km/h Höchstgeschwindigkeit hochgetrimmt.
| 1959/1960 machten die kleinen Tg 500 einigen großvolumigeren Rennwagen das Leben schwer. |
Mit der direkten Lenkung und dem tiefen Schwerpunkt konnte er fast im rechten Winkel um die Kurven brausen und damit bei Bergrennen einige Male auch den Porsches die Rücklichter zeigen – bevor er in der Geraden von den vier bis fünf Mal so PS-starken Sportwagen bald wieder eingeholt wurde. Im März 1959 siegte Fend beim Pferdsfeld-Flugplatzrennen in der 500 ccm-Klasse – mit einem Zeitvorsprung von fast drei Minuten vor dem Sieger der 600ccm-Klasse und 30 Sekunden vor dem der 1500 ccm-Klasse, einer Alfa Romeo Giulietta. Das Gleiche beim Solitude-Rennen fünf Monate später. 30 Sekunden nach den NSU Prinzen war Fritz Fend in seinem „R-AX 350“ gestartet – und fuhr mit über 40 Sekunden Vorsprung vor ihnen ins Ziel.
| Beim Solitude-Rennen 1959 fuhr Fritz Fend mit beachtlichem Vorsprung vor den 10 PS stärkeren NSU Prinzen ins Ziel. |
Auch der legendäre Bergkönig Hans Stuck musste sich mit seinem BMW 700 einem Renntiger geschlagen geben, beim Sudelfeldrennen 1960 – in dem Jahr, als Stuck Deutscher Bergmeister wurde. Probleme hatten die Tiger allerdings mit der Zuverlässigkeit – und der Obersten Nationalen Sportkommission, die dem Tg 500 keine Homologation für den Motorsport erteilte, da keine erforderlichen 400 Exemplare gebaut wurden. So starteten die Tiger immer in einer eigenen Klasse.
Diese Renngeschichte war Anlass für die Organisatoren des Solitude Revivals 2011, über 50 Jahre später die kleinen frechen Katzen auf die legendäre Rennstrecke vor den Stuttgart einzuladen. In dem illustren Feld der rund historischen 280 Renn- und Sportwagen schlugen sich die vier Tiger tapfer und erknatterten sich die Sympathie des Publikums. Die Fahrleistungen beeindruckten auch Opel-Tuner Klaus Steinmetz: „Ihr ward ganz schön flott unterwegs – ich hatte eigentlich gedacht, ich könnte euch überrunden…“
| Die Tiger beim OGP im alten Fahrerlager … |
Gerade mal drei Wochen später fand der große Tiger-Auflauf statt – oder besser gesagt Auslauf. Denn beim 39. AvD-Oldtimer-Grand-Prix (OGP) Mitte August kamen insgesamt zwölf FMR Tg 500 zusammen. Und die wurden nicht nur im alten Fahrerlager im „Zirkus Messerschmitt“ den Zuschauern präsentiert, sondern natürlich auch über die Nordschleife gejagt, die den Tigern exklusiv am Samstag- und Sonntagmorgen zur Verfügung stand. Zusätzlich konnten die Rollermobile bei Ausfahrten einsame Nebenstrecken in der Eifel erkunden. Auch geschraubt wurde einmal: Ein abgebrochener Auspuffhalter wurde im Fahrerlager kurzerhand wieder angeschweißt. Tiger-Fahrer sind hartgesottene Fans. Das bewiesen insbesondere die britischen Besitzer: die vier Engländer waren zum Nürburgring auf eigener Achse angereist. 18 TG 500 wurden damals nach England exportiert- alle sind inzwischen gefunden und restauriert.
| … und beim Auslauf auf der Nordschleife. |
Organisiert wurde der „Zirkus Messerschmitt“ auf dem Nürburgring von Martin Sauer vom Club Historischer Sportfahrzeuge Nürburgring (CHRSN), Mitveranstalter des OGP. Zum letzten Mal waren mehrere Tg 500 beim Oldtimer Grand Prix 1976 – und beeindruckten das Publikum auf der alten Rennstrecke mit kurzer Südschleife. Auch wollte man der Schwester-Katze, dem Geburtstagskind Jaguar E-Type, ein knatterndes Ständchen bringen. Sauer war natürlich mit seiner „roten Pest“ angereist– einem verdammt gut laufenden Tiger, dessen Karosserie noch in dem etwas lädierten Originalzustand von 1961 ist. Er war schon auf der Solitude dabei, wie auch Otto-Heiko Zimmermann, ein eingefleischter Tiger-Fahrer, der schon seit seiner Studentenzeit einen Tg 500 fährt, 1974 den Messerschmitt Club Deutschland mitbegründete und in mühevoller Kleinarbeit ein Register aufgebaut hat, in dem inzwischen rund die Hälfte aller jemals gebauten Tiger und ihr Verbleib verzeichnet sind.
Und die sind äußerst begehrt. Der „König der Roller“ hat in den letzten Jahren nicht nur in den Herzen von Kleinwagen-Enthusiasten, sondern auch von betuchten Sammlern seinen Platz erobert. 3.725 DM musste ein Käufer im letzten Produktionsjahr 1961 für einen Tg 500 bezahlen – fast ein halbes Arbeiter-Jahresgehalt und nur 85 DM weniger wie für einen deutlich komfortableren VW Käfer. Heute verzeichnet Classic Data für einen sehr guten Tiger rund das 40-fache – wenn denn mal überhaupt einer zu verkaufen ist…
Und die sind äußerst begehrt. Der „König der Roller“ hat in den letzten Jahren nicht nur in den Herzen von Kleinwagen-Enthusiasten, sondern auch von betuchten Sammlern seinen Platz erobert. 3.725 DM musste ein Käufer im letzten Produktionsjahr 1961 für einen Tg 500 bezahlen – fast ein halbes Arbeiter-Jahresgehalt und nur 85 DM weniger wie für einen deutlich komfortableren VW Käfer. Heute verzeichnet Classic Data für einen sehr guten Tiger rund das 40-fache – wenn denn mal überhaupt einer zu verkaufen ist…
Relevante Links:
www.solitude-revival.org
www.avd-oldtimer-grand-prix.de
www.fmr-tg500.de
www.messerschmitt-club-deutschland.de
www.meinklassiker.com/de/ogp-2011
© Fotoquelle / Bildrechte: AvD/Tom Linke, Martin Sauer, Gerhard Prien, Uschi Kettenmann
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