Hermanns Gerüchteküche: über fußballspielende Millionäre und den Mercedes-Benz 300 SLR „Uhlenhaut-Coupé“ als CMC-Modell
Autor/Redaktion: Hermann Ries · 18. Juni 2010
Eigentlich wollte ich mir die Live-Übertragung des Fußball-Weltmeisterschaftsspiels Deutschland gegen Serbien anschauen – und fieberte dem spannenden Moment des Anpfiffs entgegen. Doch dann kam es ganz anders: Die freundliche Postbotin klingelte und brachte ein Paket von CMC-Modelcars. Für mich kam einer jener Momente im Leben, in dem man kurzfristig Entscheidungen treffen muss: Das CMC-Paket öffnen und den angekündigten Mercedes-Benz 300 SLR „Uhlenhaut-Coupé“ aus seinem Styropor–Gefängnis befreien – oder die Flugbahnen des Lederballs zu verfolgen.
In so einem Moment rasen die Gedanken: Das Modell läuft Dir nicht weg. Das Fußballspiel aber siehst Du nur in diesem Moment live. Nach dem 4:0 Sieg der deutschen Mannschaft im ersten Spiel versprach die zweite WM-Runde für Deutschland umso spannender zu werden.
Entscheidung des Gerüchtekochs: 300 SLR Uhlenhaut-Coupé CMC Modell oder Fußball-WM-Spiel der Deutschen?
Ich habe mir rasch entschieden: Den Anpfiff bekomme ich nur akustisch mit, als ich das Modell in meinem Arbeitszimmer aus der Verpackung nehme. In solchen Momenten will ein echter Junge einfach nicht gestört werden. Hier geht es um essentielle Dinge: Stimmen die Proportionen? Ist die Lackqualität gut? Wie sieht es mit den Spaltmaßen aus?
Nachdem ich mir das Auto knapp vor die Augen gehalten habe, es wechselweise mit einem Auge belinst habe, waren die grundlegenden Dinge geklärt: Die Proportionen stimmen und die Lackierung geriet fast einen Deut besser als beim Original – das achtzehnfach verkleinerte Coupé sieht haargenau so aus, wie das große Vorbild.
Mercedes-Benz 300 SLR Uhlenhaut-Coupé als CMC-Modell: Faszination der Perfektion.
Jawoll: Man muss Prioritäten setzen – was kümmert es mich nun, dass Miroslav Klose in der 12. Minute eine gelbe Karte kassiert. Das erfahre ich nur als Hintergrund-Geräusch aus dem Wohnzimmer, in dem der Fernseher läuft. Mit meinem Gedanken bin ich auf der Nordschleife des Nürburgrings – ich schaute in das Cockpit des Modells, nachdem ich die Flügeltüren geöffnet hatte und war hin und weg. Es war in den späten 1980er-Jahren, als ich – als Beifahrer nur, aber immerhin – zwei Runden im Uhlenhaut-Coupé erleben durfte. Ich werde es nie vergessen: Diese Geräuschkulisse, das sportlich aber nicht bretthart abgestimmte Fahrwerk, die Fliehkraft, die mich in den Kurven kräftig in die knapp bemessene Sitzschale presst, die weit über 200 km/h auf der Döttinger Höhe.
Mein Chauffeur war Michael Plag, einer der erfahrensten Mechaniker des Mercedes-Benz Classic Centers. Auf seine zurückhaltende schwäbische Art erzählte er mir einige Histörchen aus der Geschichte des nur in zwei Exemplaren gebauten Flügeltürers auf Basis des Rennsportwagens Mercedes-Benz 300 SLR – und ließ dabei nebenher die Kuh fliegen. Lässig, entspannt, dabei gleichzeitig sehr konzentriert und unauffällig schnell, ohne ein Risiko einzugehen.
Die Vokabel „erzählen“ ist jedoch eine gelinde Untertreibung: Michael brüllte mich an – um gegen das hirschige Röhren des rassenreinen Renn-Achtzylinders im Wagenbug anzukommen. Von den 300 PS war jedes einzelne deutlich und lautstark zu hören. Die nahezu ohne Geräuschdämmung gebaute Karosserie dröhnte, das Getriebe sang und mit atemberaubender Geschwindigkeit sticht Plag die Fuchsröhre hinunter – im fünften Gang, den er mit einem vernehmlichen „Klack“ aus der offenen Schaltkulisse kurz zuvor eingelegt hatte. Diese offene Kulisse haben die Künstler von CMC perfekt nachgebildet – und mich zur Gedankenreise ins Cockpit des echten Uhlenhaut-Coupés animiert.
Als der Gerüchtekoch ins Cockpit fingert, stellt er fest, dass sich der Schalthebel nicht bewegen lässt.
Ich greife ins Cockpit in fingere mit dem rechten Zeigefinger am Schalthebel – und erschrecke. Aus dem Wohnzimmer ist der Lärmpegel der Fernseh-Übertragung deutlich angeschwollen, Pfiffe, Applaus, ein aufgeregter Kommentator: In der 37. Minute geht Klose nach der gelbroten Karte vom Platz und rund eine Minute später schießen die Serben das Eins-zu-Null.
Naja. Jetzt haben die fußballspielenden Millionäre eins eingeschenkt bekommen.
Mich interessiert viel mehr, dass der Schalthebel sich wider Erwarten nicht bewegen lässt. Macht aber nix: Ich tröste mich mit dem Anblick der haargenau nachempfundenen Instrumente. In meinem Alter, jenseits der Fuffzig, braucht man beim genaueren Inspizieren der Modell-Einzelheiten eine Lupe. Ich scheue mich nicht davor, das optische Hilfsmittel einzusetzen. So kann ich feststellen, dass der feinbedruckte Drehzahlmesser bis 11 für 11.000 Umdrehungen anzeigt und die Tachoskala bis 300 km/reicht. Der Bezugstoff entspricht mit seinem Karo-Muster exakte dem des derzeit vom Mercedes-Benz Museum bei Fahreinsätzen präsentierten Coupés. Ich frage mich, ob die Miniatur-Künstler bei CMC womöglich auch die Fadendicke des Bezugsstoffs maßstabsgerecht verringert haben…
Die Lupe zeigt den bis 11.000 Umdrehungen reichenden Drehzahlmesser.
Die kleinen seitlichen Drehfenster jedenfalls kann man vorbildgetreu öffnen, und die Seitenschwellen entsprechen mit ihrem roten Lederbezug ebenso penibel dem Echten. Nach dem Schließen der Flügeltüren schaue ich mir nach alter Oldtimer-Begutachter-Manier die Spaltmaße an: Ich weiß von den Restaurierungen bei Kienle Automobiltechnik, dass sie einheitlich drei Millimeter betragen müssen – ob sie im Modell entsprechen drei durch achtzehn Millimeter (ist gleich 0,16 Millimeter) messen, kann ich nicht beurteilen. Mir fehlt das dazu geeignete feinmechanische Messinstrument. Was ich aber sehr gut beurteilen kann: Die gesamten Spaltmaße des CMC-Kunstwerks sind so gleichmäßig und mehr als haardünn geraten, dass sie mir wie ein Wunderwerk der Technik erscheinen.
... auch die seitlichen Drehfenster lassen sich öffnen...
Auch der Heckdeckel lässt sich öffnen: Ich schaue auf die beiden schräg angeordneten Ersatzräder und überlege, ich die Befestigungsmuttern öffnen soll um die Räder zu entfernen. Ich zügele mich, denn diese Operation erscheint mir so diffizil, dass ich meine Neugierde im Hinblick auf meine eher grobmotorische Feinmotorik lieber zügele. Stattdessen spieke ich genauer in die Hecköffnung hinein und sehe, dass sie Tankaggregate (Benzinfilter und –Pumpe) offenbar präzise nachgefertigt sind.
Der Gerüchtekoch traut sich nicht, die im Kofferraum untergebrachten Ersatzräder zu demontieren...
Meinen Spiel- und Schraubertrieb kann ich dennoch befriedigen: Die per Zentralmutter montierten Stahlspeichenräder lassen sich wirklichkeitsgetreu ab- und aufmontieren. Während es beim WM-Spiel gelbe Karten für die Spieler hagelt, bewundere ich die filigranen Räder mit den auf die jeweilige Wagenseite geometrisch abgestimmten Flügelmuttern. Jede einzelne Speiche ist einzeln per Hand mit den dazugehörigen Nippeln eingesetzt und festgezogen. Kein Wunder, dass der CMC 300 SLR aus 1.817 Einzelteilen besteht, die übrigens in China geformt und auch dort in aufwändiger Handarbeit zusammengesetzt werden.
... seinen Spiektrieb befriedigt er, indem er die Räder demontiert...
Die große Zahl der Einzelteile rührt aber nicht nur wegen der vielen Teile allein für die Räder her. Beim Blick unter die aufgestellte Motorhaube verwischen sich die Grenzen zwischen 1:1-Realität und der 1:18 Modell-Traumwelt vollends. Der Reihenachtzylinder ist mit sämtlichen Zusatzaggregaten, Schläuchen, Kabeln, Hutzen und sogar der Einspritzpumpe so genau und lebensecht verkleinert, dass man sich leicht einbildet, das Knistern der sich nach wilder Fahrt abkühlenden innenliegenden Trommelbremsen und des unter den Ansaugrohren untergebrachten Auspuff-Fächerkrümmers zu vernehmen.
Unter der Lupe erkennt man prima die Motor-Details.
Doch holen mich andere Geräusche in die Realität zurück: Gejohle, Gekreische und das nochmals gesteigerte Summen der Vuvuzelas deuten darauf, dass das WM-Spiel Deutschland-Serbien ein Ende gefunden hat. Im Wohnzimmer will ich mich bei meiner Lebensgefährtin nach den Highlights des Spiels erkundigen. Vergeblich: Sie ist eingeschlafen. Allzu viel Spannung hat die Kickerei offenbar nicht geboten.
Ich habe jedoch genussvolle anderthalb Stunden erlebt, in denen ich - über 20 Jahre zurück in der Vergangenheit – noch einmal zwei atemberaubende Nürburgring-Nordschleifen-Runden in einem der faszinierendsten Supersportwagen nacherlebt habe. Inklusive Fracksausen, als Plag sich mit dem 300 SLR mit mir auf dem Beifahrersitz völlig unerschrocken die Hatzenbach herunterstürzte, volles Rohr am Flugplatz vorbeidonnerte, mein Herz in der Fuchsröhre in die Hose rutschen ließ, mir bei Wehrseifen, Ex-Mühle und Bergwerk zeigte, was Quer-, Längs- und Vertikal-Beschleunigungen sind – und zwar gleichzeitig. Im Caracciola-Karussell erlebte ich auf dem heißen Stuhl, dass es auch in Steilkurven ordentliche Querbeschleunigungen geben kann, im Pflanzengarten hält sich Plag zurück, um nicht am Sprunghügel abzuheben, um dann am präzise gefahrenen Galgenkopf Anlauf für die Döttinger Höhe zu nehmen.
Michael Plag ist kein Rennfahrer. Das weiß er, das weiß ich. Dennoch hat er die Nürburgring-Runde zügig absolviert – allerdings ohne in die Versuchung zu kommen, in den physischen Grenzbereich vorzustoßen. Es war aber auch ohne Raserei extrem spannend und anregend. Ich halte mir das CMC-Modell nochmals dicht vor die Augen – diesmal von hinten. So haben die anderen Verkehrsteilnehmer im Jahr 1955 den damaligen Dienstwagen von Daimler-Entwicklungsingenieur Rudolf Uhlenhaut gesehen, wenn er zu Test- und Dienstwagen in Europa unterwegs war.
Ich betrachte ihn und freue mich: Mit dem Supermodell von CMC besitze ich ihn – wenigstens im Kleinformat. Und er bietet mir die Gelegenheit, in meiner Phantasie abzutauchen in die Grüne Hölle des Nürburgrings – davon könnte mich höchstens das WM-Endspiel abhalten. Aber auch nur dann, wenn es anspruchsvoller und spannender ist als das von der deutschen Mannschaft schlecht inszenierte heutige Spiel.
Mit dem Modell des 300 SLR Uhlenhaut Coupé hat sein Besitzer ein perfekt verkleinertes Abbild eines der tollsten Supersportwagens der Automobilgeschichte.