Er entstaubte in den 1960er Jahren die Auto Union vom Zweitakter, verhinderte die auf Dauer geplante Produktion des Käfers in Ingolstadt und entwickelte für die wiederbelebte Marke Audi eine wegweisende neue Modellplatte, die ihr das Überleben sicherte: Dr. Ludwig Kraus. Ohne ihn gäbe es vermutlich die Marke Audi heute nicht mehr. Vor hundert Jahren wurde der geniale Konstrukteur geboren.

Geburtstag eines Audi-Retters
Autor/Redaktion: Uschi Kettenmann · 20. Dezember 2011
Am 26. Dezember 1911 kam Kraus in Hettenhausen bei Pfaffenhofen auf die Welt, seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Ingolstadt. Nach dem Maschinenbau-Studium in München und Hannover begann der Diplom-Ingenieur seine berufliche Laufbahn 1937 bei der Daimler-Benz AG als Konstrukteur im Motorenbau und der -entwicklung. Dort war er auch an der Konstruktion der Silberpfeile beschäftigt und feierte mit Fangio u.a. die Formel 1-Meisterschaften 1954 und 1955.
| Die Mille Miglia-Sieger 1955 Stirling Moss und Denis Jenkinson, links Oberingenieur Ludwig Kraus. |
1958 hatte Daimler-Benz die Auto Union gekauft und drängte auf die Entwicklung eines neuen Viertaktmotors in Ingolstadt. Doch nach fünf Jahren gab es diesen nicht mal auf dem Papier. So entsandten die Untertürkheimer im Oktober 1963 Ludwig Kraus mit fünf Mitarbeitern nach Ingolstadt – als Mitgift bekam er einen halbfertigen Vierzylinder-Viertaktmotor.
Der neue Direktor für die Fahrzeugentwicklung Kraus hatte es anfangs schwer in Ingolstadt, den Viertakter durchzuboxen. Auch nach der Übernahme durch Volkswagen im Dezember 1964, als Kraus 1965 Mitglied der Geschäftsleitung wurde. Zwar veröffentlichten VW, Daimler-Benz und die Auto Union am 11. November 1964 eine gemeinschaftliche Erklärung, wonach die Auto Union nicht vom Zweitakt-Prinzip abgehen würde. Demgegenüber war Kraus der Meinung, dass die Auto Union mit der Konstruktion eines neuen Zweitaktmotors überfordert sei – unterstützt von VW-Chef Nordhoff, der nicht wollte, „dass an solchen Spielereien wie dem Sechszylinder-Zweitakter herumgebastelt wird“.
Ludwig Kraus ist die Modernisierung der Produktpalette zu verdanken, die als Nachfolger der Zweitakt DKW Modelle ab Ende 1965 auf den Markt kamen. Die von ihm geschaffenen Modellreihen Audi 50, Audi 60/Super 90, Audi 80 und Audi 100 sollten wegweisend für die weitere Entwicklung des Unternehmens sein. Und Audi verdankt Kraus auch sein Überleben als eigenständige Marke: Denn eigentlich hatte Volkswagen geplant, in Ingolstadt den Käfer auf Dauer zu bauen. Ohne Wissen von VW entwickelte Kraus den Audi 100, der VW-Chef Nordhoff schließlich überzeugte. Die Oberklasse-Limousine wurde mit über 800.000 verkauften Exemplaren der ersten Serie ein voller Erfolg. Kraus initiierte auch das Audi 100 Coupé, dessen Design eben nicht in Italien, wie man aufgrund der eleganten Heckpartie vermuten könnte, sondern in Ingolstadt unter seinem persönlichen Einfluss entstand.
| Der Entwurf für den Audi 100 entstand 1966 – heimlich in hinter einem Vorhang in der "Stilhalle". |
Im Audi Museum Mobile ist Dr. Ludwig Kraus dafür ein eigenes Kapitel gewidmet. Seit der Eröffnung im Jahr 2000 erinnert eine Installation an die Geburtsstunde des Audi 100, der Audi den Pfad zurück ins Premiumsegment ebnete.
Nach der Fusion mit der NSU Werke AG zur Audi NSU Auto Union AG wurde Kraus ab 1. September 1969 zum Vorstandsmitglied berufen, zuständig für den Bereich Technische Entwicklung.
Nach der Fusion mit der NSU Werke AG zur Audi NSU Auto Union AG wurde Kraus ab 1. September 1969 zum Vorstandsmitglied berufen, zuständig für den Bereich Technische Entwicklung.
| Entwurf des Audi 80, 1969. Die Trapezlinie statt einer von den Designer favorisierten innovativen Keilform mit steilem Heck setzte Kraus durch. |
Am 31. Dezember 1973 trat Ludwig Kraus in den Ruhestand, blieb der Firma aber als Mitglied des Aufsichtsrates zwischen 1976 und 1985 erhalten. Für seine Leistungen auf dem Gebiet des Automobilbaus wurde Ludwig Kraus 1974 die Ehrendoktorwürde der TU Hannover verliehen. Er verstarb am 19. September 1997 in München.
© Fotoquelle / Bildrechte: Audi, Daimler

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