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Hermanns Gerüchteküche: Die vierte Dimension – über das weltgrößte Mercedes-Treffen in Berlin
Autor/Redaktion: Hermann Ries · 02. September 2011
Es sind große Worte, die bei mir zunächst Skepsis hervorriefen: „Das größte Mercedes-Benz Treffen aller Zeiten“ – so wurde die von der Daimler AG veranstaltete Jubiläumsfeier „Mercedes-Benz & Friends“ zum 125. Geburtstag des Automobils am 27. und 28. August 2011 auf dem Gelände des ehemaligen Berliner Flugplatzes Tempelhof angekündigt.
Mercede-Benz & Friends
Große Worte: das weltgrößte Mercedes-Benz Treffen.
Ob da wohl was dran ist? Im Vorfeld rumorte es in einigen Mercedes-Clubs, einige Clubler sagten der Veranstaltung ein grandioses Scheitern voraus, andere wähnten sich als Staffage für eine große Neuwagen-Verkaufsschau missbraucht zu werden. Und der meinklassiker-Gerüchtekoch? „Wenn schon das weltgrößte Mercedes-Treffen von Freunden der Marke mit dem Stern stattfindet, dann möchte ich dabei sei“, waren meine Gedanken. Vorbehaltlos und mit Neugierde statt mit negativen Erwartungen. Meinem Stern-Youngtimer spendierte ich sogar eigens eine neue Front-Stoßstange – um mit dem alten, ramponierten Rammschutz nicht unangenehm aufzufallen.


Die Anmeldung übers Internet schaffen sogar Computer-Hasser, Interessenten erhielten – allerdings erst wenige Tage vor der Veranstaltung – eine Mail mit umfangreichen Vorschriften und einer Einfahrtsberechtigung für das 250.000 Quadratmeter große Vorfeld auf dem gigantischen Flugplatzgelände, nur vier Kilometer vom Stadtkern Berlins entfernt. Die freundliche Stimme am anderen Ende der Mercedes-Benz & Friends-Hotline sagte mir, dass ich bereits am Freitag vor der eigentlichen Veranstaltung anreisen und meinen feuerroten Renner vor Brandstiftern geschützt vor den imposanten Flughafen-Hallen abstellen könne. Meine Befürchtung, tatsächlich nur zu den in den in den „Dienstvorschriften“ genannten Zeiten mein Auto bewegen zu dürfen („Das Fahren auf dem Veranstaltungsgelände ist nur außerhalb der offiziellen Öffnungszeiten für das Publikum oder in separat abgesperrten und für das Publikum nicht zugänglichen Bereichen erlaubt. Zuwiderhandlungen werden von der anwesenden Polizei angezeigt und strafrechtlich verfolgt.“) erwiesen sich als unbegründet: Eskortiert von zwei uniformierten Sicherheitskräften durfte ich mit meinem ‘91er 300 SL-24 sogar während der Öffnungszeiten das Areal im Schritttempo verlassen.
Mercedes-Benz & Friends
Mehr als 2.000 Mercedes-Benz kamen nach Tempelhof - das Foto zeigt einen Ausschnitt vom Samstag.
Bereits die – wiederum von zwei Ordnungsmenschen begleitete – Einfahrt in dem genannten Zeitfenster machte gehörig Eindruck auf den Gerüchtekoch: Seit 2008 gibt es keinen Flugverkehr mehr in Tempelhof – und wer mit seinem Auto auf das Vorfeld des gigantischen bogenförmigen Baus (ab 1941 war er mit einer Bruttogeschossfläche von 307.000 m² für zwei Jahre das flächengrößte Gebäude der Welt) fahren darf, an dem früher ein großer Teil des internationalen Flugverkehr von und nach Berlin abgewickelt wurde, kommt sich angesichts der pompösen Anlage nahezu winzig vor. Dass kein Gefühl der Einsamkeit aufkam, dafür sorgten die vielen anderen Mercedes-Fahrer, die mit ihren Autos nach Tempelhof kamen. Von 2.000 aufgefahrenen Autos spricht die Daimler-Pressemitteilung – ich glaube es: Sauber in Reih und Glied stand dort nahezu die gesamte automobile Mercedes-Benz Personenwagen-Geschichte in bunter Mischung und teils in mehrfacher Ausführung – serviert von Freunden der Marke aus den Clubs und aus der Fangemeinde ohne Clubbindung.
Mercedes-Benz & FriendsMercedes-Benz & Friends
Am Samstag ab elf Uhr begann das große Programm – und ich fühlte mich wie im Auto-Schlaraffenland: Alles das, was auf meine Vierklappen-Pumpe drehzahlerhöhend wirkt, war auf dem Vorfeld in Aktion zu sehen, zu hören und zu riechen. Ein paar Jungs von der AMG Driving Academy ließen die sagenhaften Hochdrehzahl-Sechsdreiliter in verschiedenen Untersätzen (E-Klasse, C-Klasse Kombi, SLS AMG etc.) jubeln und chauffierten mutige Treffen-Besucher mit atemberaubenden Driftwinkeln um einen engen Parcours.
Ein paar Jungs von der AMG Driving Academy chauffierten mutige Treffen-Besucher mit atemberaubenden Driftwinkeln um einen engen Parcours.
Ein Actros-Lkw demonstrierte mit einem sich aufschaukelnden Sattelauflieger, wie weit man mit jaulenden Reifen gehen kann, ohne die Kippgrenze zu erreichen. Unimogs und Mercedes-Geländewagen kraxelten gemsengleich über künstliche Hindernisse, und Fahrer der Mercedes-Benz Driving Events lehrten ihren unbedarften Beifahrern aus dem Publikum das Fürchten, indem sie demonstrierten, zu welchen fahrerischen Kunststückchen S-Klasse-, C-Klasse, E-Klasse- und andere Mercedes-Serienwagen fähig sind. Volle Auto-Aktion, wohin das Auge schaute.
Mercedes-Benz & Friends
Unbestrittenes Highlight der beiden Auto-Festtage waren die Demo-Fahrten der historischen Mercedes-Benz Silberpfeile – sechs an der Zahl. Vom W 25 aus dem Jahr 1934 über den 1,5-Liter Tripolis-Wagen W 165 von 1939 bis zum Stromlinien-W196 von 1954 bis zum Fangio-Weltmeister-W196 von 1955 reichte die Palette der teils kompressorkreischenden, donnernden und betörend nach verbranntem Gummi und Äther riechenden Boliden. Die Mercedes-Benz Pressemitteilung informiert: „Gelenkt wurden die Silberpfeile von den Rennfahrerlegenden Hans Herrmann (W 196 Stromlinie), Dieter Glemser (W 196), Roland Asch (W 165) Jochen Mass (W 125) und Klaus Ludwig (W 25). Außerdem mit von der Partie war der fünffache DTM-Champion, Bernd Schneider, im Mika Häkkinens Weltmeisterauto McLaren-Mercedes MP4-13 aus dem Jahr 1998.“
„Gelenkt“ – so heißt es in dem Pressetext. Das stimmt zwar, ist aber eine glatte Untertreibung: Die alten Herren ließen die kraftstrotzenden, dünnreifigen Oldies so richtig fliegen. Hans Herrmann trug im Stromlinien W 196 sogar den Helm, der ihn bei seinem Start auf der Berliner Avus im Jahr 1954 schützte und ging den Parcours mit seinen 83 Jahren so flott an wie, es jüngere Kollegen nicht besser könnten. Roland Asch zauberte im W 165 einige beachtliche Drifts. Zum Publikumsliebling avancierte jedoch rasch Jochen Mass, der am 30. September dieses Jahres 65 Jahre alt wird: In einem Alter, in dem sich andere Menschen mit Filzpantoffeln in den Ruhestand und an den heimischen Kamin zurückziehen, streift sich der Kerl den weißen Overall über, dazu Rennschuhe und Goggles und lässt die Kuh fliegen, als gäbe es kein Morgen. Mit gezielten Gasstößen dirigiert er die fast 600 PS auf die ob des plötzlichen Kraftschubs wimmernd durchdrehenden Hinterräder des schlanken Boliden, der seinen Hintern blitzartig in Richtung Kurvenrand ausschwenkt – Mass fängt das schwer zu bändige Auto publikumswirksam erst kurz vorm Dreher routiniert ein. Und mit böse brüllender Maschine, untermalt von gellendem Kompressor-Kreischen katapultiert der Ex-Formel 1-Fahrer und Le Mans-Sieger den Vorkriegs-Renner über die kurze Gerade in Richtung nächste Kurve....
Mercedes-Benz & Friends
Der Effekt: Mass und seine Rennfahrer-Kollegen absolvierten wegen des riesigen Interesses der Besucher statt der geplanten drei Starts nochmals einen weiteren am Sonntagnachmittag...


Und sogar die kleinen smart nötigten dem meinklassiker-Gerüchtekoch gehörigen Respekt ab: Von Profis auf einer abgesperrten Mini-Rennstrecke zwischen die Pylonen gezirkelt, zeigten sie eine Agilität und eine sichere Straßenlage, die ich ihnen in dieser Ballung zuvor nicht zugetraut hatten – Chapeau!


In den riesigen Hangars rechterhand in linkerhand des imposanten Tempelhofer Empfangsgebäudes brachte der Veranstalter die stehende Schau unter: In Hangar 4 staunte der Gerüchtekoch über die Ausstellung unter dem Motto „Zukunft braucht Herkunft“, die spektakuläre Paarungen historischer und neuzeitlicher Automobile präsentierte. Unprätentiös, aber dennoch elegant und anmachend knüpften die ausgestellten Exponate eine Verbindung von Heute in die automobile Vergangenheit – nicht als platte Verkaufsschau für Neuwagen mit Klassikern als optische Anreize (wie bei vielen lokalen Autoschauen praktiziert), sondern als interessante Gegenüberstellungen mit gelungenem Infotainment. Drei Beispiele: Ein SLS AMG parkte neben dem legendären 300 SEL 6.8 Renntourenwagen von AMG mit dem Heyer/Schickentanz im Jahr 1971 überraschend den 2. Platz bei den 24 Stunden von Spa belegten. Ein Mercedes Simplex verdeutlichte neben einer Mercedes-Benz F-Cell B-Klasse, wie automobiler Fortschritt vor 110 Jahren – im Jahr 1901 – aussah. Und ein fast 40 Jahre alter 450 SEL 6.9 zeigte neben einer neuen S-Klasse, wie sich Sicherheit und Design in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben.
Mercedes-Benz & Friends
Simplex und F-Cell-Mercedes.
In Hangar 5 präsentierten sich die wichtigsten deutschen von der Daimler AG anerkannten Markenclubs – mit teils hochinteressanten Exponaten. Die MB IG beispielsweise ließ sieben schwarzlackierte Repräsentations- und Oberklasse-Limousinen – vom 170 S über 300 Adenauer und 600 bis zum W 126 – vor großen Postern mit Fotos von Staatsbesuchen auffahren und gab damit einen Eindruck, wie es ausgesehen haben mag, als Kennedy, Breschnew, Queen Elisabeth und Co. Berlin besucht haben. Der R 129 SL-Club gab mit einer aufgeschnittenen SL-Karosserie Einblicke in die Sicherheitstechnik des Roadsters, der SL Club Pagode präsentierte einen vor über drei Jahrzehnten im Neckar bei Stuttgart versenkten Pagoden-SL, dessen Überbleibsel von Clubmitgliedern vor drei Jahren geborgen wurden.
Mercedes-Benz & Friends
"Staatsbeesuch" bei der Mercedes-Benz IG.
War das schon alles? Lassen wir wieder die Pressemitteilung zu Wort kommen: „Abgerundet wurde das Volksfest durch ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm mit Live-Bands, DJs, Talkrunden zu 125 Jahre Innovation und Gewinnspielen. Keine Langeweile kam bei den Kindern auf. Neben den vielen zu bestaunenden Autos gab es etwa auch Kletterwände, Hüpfburgen, eine spielerische Verkehrserziehung mit Moki, dem Maskottchen von Mobile Kids.“


Bei aller Begeisterung: Warum lässt sich der Gerüchtekoch über diese Veranstaltung so ausführlich aus? Was ist die Moral von der Geschicht‘?


Ganz einfach: Einerseits hat mich die Veranstaltung fasziniert und gezeigt, wie man Sympathien für das Automobil (und auch für eine Marke) wecken und verstärken kann. Andererseits hat sie Zeichen gesetzt – und ich meine, mehr als das: Sie hat eine neue Dimension von Oldtimer-Präsentation geschaffen. 


Das mag nach Pathos klingen, ist es aber nicht: Bislang gab es in Deutschland meines Wissens keine Oldtimer-Neuwagen-Schau mit diesem Unterhaltungswert und in dieser Größe. Selbst die Weltmesse der Klassik-Szene, die Techno-Classica (die weiß Gott wahrlich keine kleine Nummer ist) bringt es mit rund 190.000 Besuchern an fünf Tagen nicht auf die Zuschauerzahlen wie „Mercedes-Benz & Friends“: Die Klickzähler der Sicherheitsmenschen an den Pforten des Tempelhofer Flugplatzes registrierten über 200.000 Besucher...
Mercedes-Benz & Friends
Bislang gab es in Deutschland keine Oldtimer-Neuwagen-Schau mit diesem Unterhaltungswert und in dieser Größe.
Der Grund ist einleuchtend: Bislang achteten die Organisatoren von Klassiker-Veranstaltungen stets darauf, möglichst wenig mit neuen Autos in Berührung zu kommen. Die Scheu, als exotisches Beiwerk für platte Neuwagen-Verkaufsaktionen vor den Karren gespannt zu werden, ist die Triebfeder, Moderne und Vergangenheit zu trennen. Auch die – wegen einschlägiger Erfahrungen in der Vergangenheit berechtigte – Angst, dass anspruchsvolle Klassik-Ausfahrten und Messen von Verkaufsstrategen der Auto-Hersteller als Plattform für aufdringliche Werbeauftritte usurpiert werden könnten und damit zu automobilen Tupper-Partys degenerieren, spielt eine Rolle. Ergo: Fast alle Oldtimer-Veranstaltungen sind für Klassik-affine Menschen attraktiv, bieten aber unvorbelasteten Zeitgenossen, die von Auto-Geschichte (noch) keine Ahnung haben kaum Anreize zum Besuch.


Doch jetzt zeigt Mercedes-Benz mit dem 125-Jahr-Festival in Tempelhof wie es gehen kann: Das Nebeneinander von Neufahrzeugen und Oldtimern kann funktionieren, wenn es stilvoll, mit spektakulären Aktionen und sympathischem Infotainment gewürzt wird. Wenn die Besucher und Zuschauer in Fahraktionen eingebunden werden. Wenn Rennfahrer das Bad in der Menge suchen und mit den Fans plaudern. Wenn das Ziel ist, Sympathie zu erwecken oder zu steigern statt Verkaufszahlen zu pushen. Wenn unterhaltsam und anschaulich präsentierte Information statt dümmlicher Werbeparolen geboten werden. Wenn der Spaß am Auto im Vordergrund steht.
Ich möchte nicht wissen, was dieser Spaß Daimler gekostet hat. Das spielt aber angesichts des unbezahlbaren Image-Gewinns genauso wenig eine Rolle, wie die kleinen organisatorischen Pannen, die zwangsläufig bei einer Erstlings-Veranstaltung in dieser Dimension auftauchen (aber von den Besuchern gar nicht bemerkt werden).
Viel mehr interessiert mich, ob und wie jetzt andere Organisatoren oder andere Auto-Hersteller dem Daimler-Beispiel folgen werden. Denn für mich hat „Mercedes-Benz & Friends“ eine vierte Dimension bei Oldtimer-Festivals geschaffen und für die Oldie-Szene die Tore für die Gegenwart geöffnet: So schafft man sich Freunde...

In der Foto-Galerie finden Sie eine kleine Auswahl der Fotos des Gerüchtekochs.

© Fotoquelle / Bildrechte: Hermann Ries
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Kommentare
Holger Merten schrieb: (02.09.2011)
Lieber Gerüchtekoch, gut hast Du mit Deiner Reise getan. Meine Beziehung zum Daimler ist zwiespältig. Ich könnte nie eine Automarke fahren, die Hitler fuhr. Deshalb halte ich es mit den vier Ringen.... Dass da Göring und Goebbels gerne drin sassen, übersehe ich dabei geflissentlich. Genauso, wie ich beim Tempelhofer Feld dessen Aufgabe als Zentralflughafen von Germania gerne übersehe. Ich liebte diesen (Airp-)ort. Umso besser, dass Mercedes ihn so besetzt hat, und Du Hermann, mit einem A 124 dorthin aufgebrochen bist. Toll, dass es die Einladung von MB dazu gab, toll, dass so viele jahrgangsübergreifen daran teilgenommen haben. Und mein respektabler Applaus an die Marketingleute vom Daimler, die ja in den letzten beiden Jahrzehnten so viel vom Nimbus des einzigen deutschen Luxusmodellanbieters abgeben mussten. Selbst auf dem mittlerweile 3. Platz der Premiumliga fällt denen doch noch was tolles ein. Nämlich uns zu zeigen wie der Stern einst glänzte. Zu recht zumindest von 1950 - 1985. Dann begann "Der Untergang", erst kam BMW mit dem 12-Zylinder und dann hat auch die ehemalige Tochter Auto Union, vulgo Audi, zum Gefecht geblasen. Mangelndes Qualitätsbewusstsein, fehlende Designambitionen und der Hang zum Full-Range-Ambieter haben die Marke leider bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Gut, wenn man am Zentralflughafen wieder mal Luft, Laune und Überblick schnuppern konnte.
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