Hermanns Gerüchteküche: Die erste OCC Küstentrophy – ein Lagebericht aus dem Schützengraben
Autor/Redaktion: Hermann Ries · 10. Juni 2010
Yyyiiiiiiieeeh – wir alle kennen dieses helle, fiepende Sirren, das fliegende Stechmücken von sich geben. Es nervt. Besonders in Sommernächten – oder auch beim Sonnenbaden. Und am Tag danach juckt’s auch noch. Mehr als 2.500 Arten dieser Blutsauger kennen Biologen, davon sind allein in Europa 104 beheimatet.
Die Mückenart, die durch die Wälder und Wiesen in der Umgebung des mecklenburg-vorpommerischen Dorfes Krempin fliegen, um nach Blutspendern zu suchen, scheinen besonders gierig, hinterhältig und gemein zu sein. Yyyiiiiiiiiiiieh – wieder hat sich einer dieser Blutsauger auf mich gestürzt. Klatsch – ich habe sie zu spät erwischt: An der Stelle, an der ich sie mit einem gezielten Schlag erledigte, ist ein kleiner roter Fleck zu sehen – das Viech hatte schon zugestochen und mein Blut gesoffen. Viel Zeit bleibt mir nicht, mich um den nächsten Tiefflieger zu kümmern – ich muss mich auf die Oldies konzentrieren, die ab und zu in Horden, ab und zu einzeln durch die malerisch im Sonnenlicht liegende Kurve zwischen Krempin und Teschow fahren. Jeden einzelnen der 70 Klassiker, die an jenem Samstag die dritte von vier Fahretappen der 1. OCC Küstentrophy absolvieren, will ich – teils halb im Graben, teils im Gras neben der Straße liegend – fotografieren.
Der Rolls-Royce Silver Wraith gleitet bei der OCC-Küstentrophy ebenso wuchtig wie würdevoll durch die Kurven.
Und mehr noch: Jedes der teilnehmenden Autos will ich gestochen scharf abbilden – jedes, ohne Ausnahme. Das ist mein Job bei dieser Premiere der OCC-Küstentrophy, die aus Anlass des 25. Jubiläums von OCC, dem Spezialisten für die Versicherung von Liebhaberfahrzeugen in Lübeck, vom 3. bis 5. Juni dieses Jahres veranstaltet wurde. Jedes Team soll am Galaabend zum Abschluss der Tour eine kleine Mappe mit mehreren Fotos erhalten – als Überraschung und als Souvenir. Yyyiiiiiiiieh – wieder landet so ein Mistvieh. Es sticht jetzt sogar durch meine linke Socke in den Knöchel – und ich bin wehrlos, weil gerade die Startnummer 7, der Rolls-Royce Silver Wraith aus dem Jahr 1951, ebenso wuchtig wie würdevoll durch die Kurve gleitet, und ich darf ihn nicht verpassen.
Arbeitsplatz des Gerüchtekochs bei der OCC-Küstentrophy: Die Wiesen und Gräben neben mecklenburg-vorpommerischen und schleswig-holsteinischen Sträßchen.
Die Teilnehmer der Küstentrophy wundern sich, warum der OCC-Bildberichterstatter sich so häufig in Gräben herumtreibt oder in gefährlicher Nähe der Straßenränder platt auf dem Boden liegt. Was sie nicht wissen: Wenn man den Oldies direkt in die Scheinwerfer-Augen schaut, sehen sie am besten, am eindrucksvollsten und besonders dynamisch aus. Aus der Perspektive in Augenhöhe machen sie sich auch auf Fotos besonders gut. Was die Rallye-Fahrer ebenso wenig wissen können – weil es paradox erscheint: Ich habe einen ganz besonderen Podiums-Platz, hier unten in den Tiefen der Gräben: Es macht Spaß, den ausgesucht attraktiven Klassikern der Küstentrophy in die Augen zu schauen – und mit dem 300er-Teleobjektiv sehe ich jedes Detail. In der Startnummer 1 beispielsweise, einem Franklin aus dem Jahr 1922, fährt ein blinder Passagier mit: Auf dem Rücksitz hockt –als besonderer Gag – eine frech dreinschauende Schaufensterpuppe. Fahrer und Beifahrerin des urigen Gefährts winken mir freundlich zu – sie sind ein stets fröhliches Gespann. Auf der Motorhaube ihres Veteranen prangt die Aufschrift: „Gute Fahrt den Teilnehmern der 1. OCC Küstenrophy“...
Schauen Sie mal genauer hin: Auf dedm Rücksitz des Franklin fährt ein blinder Passagier mit.
Von meinem Logenplatz kann ich ebenso prima Charakterstudien betreiben: Da rauscht beispielsweise der Chef des Zeithauses der Autostadt in Wolfsburg, Andreas Hornig, mit dem Horch 930 V von 1939 aus dem Fundus des Zeithauses mit seinem Beifahrer Maik Döblitz an mir vorbei. Der Junge kann Autofahren, denke ich. Völlig cool hockt er hinter dem Lenkrad, zeigt mir das V mit der linken Hand – und ist dabei noch deutlich schneller unterwegs als das Gros der Fahrer mit viel moderneren Autos.
"... der Junge kann Autofahren": Andreas Hornig im Horch 930 V.
Da röhrt anschließend der Austin-Healey von Thorsten Siems, Chef der Werbefirma WS Werbeservice in Lübeck, vorbei. Auf dem Beifahrersitz seine Frau Inga Thomsen-Siems. Auch ganz schön flügge unterwegs, die beiden, denke ich. Ein wenig wundere ich mich allerdings: Die beiden schauen ziemlich ernst drein, sind völlig auf die Strecke konzentriert. Sollten sie den Spaß verdrängt haben? Nein, so klärt mich Thorsten nach der Siegerehrung am Samstag auf: „Wir hatten den Gesamtsieg im Visier.“ Und das mit Erfolg: Die beiden holten sich den ersten Platz mit Bravour....
Peilen konzentriert den Gesamtsieg an: Thorsten Siems mit seiner Frau Inga Thomsen-Siems im Austin-Healey.
Aber Sieg und Niederlage im eigentlichen Sinn gab es nicht bei der Küstentrophy – es gab nur Gewinner: Die zwei Tage waren ausgelegt als reine Genießer-Tour mit leicht erfüllbaren sportlichen Aufgaben als Würze. Tagesetappen mit rund 200 respektive 230 Kilometern Länge ließen genügend Zeit zum Entspannen. Und das Relaxen fand am Freitagabend in besonders angenehmen Ambiente statt: Das Grand Hotel in Heiligendamm bietet jeglichen Komfort und Luxus. Selbst die Portiers sind gut erzogen: Sie rümpfen nicht einmal die Nase, als ich von meiner Fotoexpedition, ziemlich schmuddelig dem Schützengraben entstiegen, mein Foto-Equipment durch die große, edel ausgestattete Hotel-Lobby trug. Sie boten mir sogar an, meine Ausrüstung zu schleppen.
Rund 1.200 Fotos befinden sich am Freitagabend nach dem ersten Fahrtag auf der Compact Flash-Speicherkarte meiner Canon. Kein Wunder: Bereits am Morgen beim Start am Hotel Radisson Blu in Lübeck, der Heimatstadt von OCC, habe ich jede Crew in ihrem Auto abgelichtet. Die Kamera vor dem Auge hat man eine ganz besonders intensive Wahrnehmung – man kann sehr deutlich sehen, wie die einzelnen Teams eingestellt sind. Da gibt es beispielsweise die Kämpfernaturen: Sie nehmen ihre Umwelt kaum noch wahr, sind völlig auf Roadbook und die am Startbogen positionierte Stoppuhr konzentriert. In ihren Augen meint man, das Asphaltband der Straße zu sehen.
Da sind die Spaßvögel: Für sie ist die Tour eine Gaudi, bei der man gute Freunde trifft, sich die neuesten Witze erzählt, gut isst und trinkt – und nebenher auch mit Genuss Auto fährt. Da sind die Gentlemen-Driver: Elegant gekleidet – womöglich noch mit sportlichem Halstuch zum hellblauen Hemd – lächeln sie dem Fotografen freundlich zu, winken verhalten und nehmen die Rallye von der sportlichen Seite. Man merkt ihnen an, dass sie die Balance zwischen Genuss, elegantem Auftritt, sportlichem Fahren und guter Unterhaltung auf gesellschaftlich hohem Niveau gesucht und gefunden haben. Da gibt es die nervösen Draufgänger: Sie spielen hektisch mit dem Gasfuß und sind begierig, endlich losbrausen zu dürfen. Und durch die Optik der Kamera werden auch die Familienmenschen gut dargestellt: Für sie es wichtig, mit ihrer Frau, ihren Kindern und womöglich auch mit dem Hund ein spannendes Familienfest im Oldie zu feiern.
Dem Tiger in die Augen schauen: Der Kleine ist eigentlich ein Mini-Rennwagen mit Straßenzulassung.
Am liebsten sind mir die Exoten – wie zum Beispiel Wolfgang Kraus: Der fährt mit einem FMR Tg 500 („Tiger“) mit. Kennen Sie den Tiger? Das ist praktisch ein Messerschmitt Kabinenroller mit vier Rädern und einem 500 Kubikzentimeter-Zweitakter. Mit seinem extrem tief liegendem Schwerpunkt, seinem unterhalb des Bodens liegenden Momentanzentrums, seiner Lenkung mit Lenkstange und wegen seines geringen, optimal verteilten Gewichts besitzt er eine unglaublich gute Straßenlage und ist wendig wie kein zweites Auto. Zu Beginn der 1960er-Jahre fuhren seine Fahrer den deutlich stärkeren Porsche 356 vor allem bei Bergrennen kräftig um die Ohren.
Wolfgang ist einer jener Typen, die fast immer gut gelaunt sind und gute Stimmung verbreiten. Dabei ist die Fahrerei mit dem Tiger kein Honigschlecken. Bei der Küstentrophy fuhr der Hesse erstmals den weißen Tiger seiner Lebensgefährtin Uschi Kettenmann, Lesern von meinklassiker.com bestens bekannt. Da es sich um die zweite Jungfernfahrt des nur technisch überholten Originals handelte, schleppten die beiden prophylaktisch noch ein üppiges Sortiment an Werkzeug und Ersatzteilen mit. Der Tiger im Tele war für mich der reizvollste Anblick der Küstentrophy,. Die kleine Katze schaut mit seinen Glubschaugen richtig unternehmungslustig in die Kurven – so als will sie sagen „Porsche komm her, ich vernasch‘ dich...“
Allerdings musste der Kleine etliche Pausen einlegen: Der Motor hatte noch einige Mucken, so dass Kraus/Kettenmann unterwegs schrauben mussten. Dennoch genoss das Tiger Team die OCC-Küstentrophy, deren Streckenführung im Übrigen vom Travemünder Automobilsport-Club unter der Ägide von Wolfgang Herring im OCC-Auftrag perfekt organisiert worden war. Durch ihre Eigenhilfe mussten sie nicht einmal den vom Lübecker Michael Borgwardt , Chef der Firma Auto u. Freizeit, organisierten und gesponserten Pannenservice in Anspruch nehmen.
Währenddessen genoss ich die Anblicke der mir vor die Linse kommenden Klassiker: Mehrere Jaguar E-Type glänzten mit Porsche 356 um die Wette, ein bildschöner Citroen DS schwamm elegant im Feld mit, ein Wartburg in perfektem Zustand war dabei, ein Volvo Amazon, zwei Mercedes-Benz 300 SL, einige SL Pagoden, ein Jensen Interceptor, und, und, und...
Großaufmarsch vor dem Gala-Diner im Grand Hotel: Die rund 70 Klassiker der OCC-Küstentrophy in Heiligendamm.
Sie alle boten mir in meinen diversen Schützengräben-Logenplätzen ein herrliches Defilee – gekrönt jeweils von den beiden Festabenden: im Grand Hotel Heiligendamm am Freitag und am Samstagabend im Schuppen 9 im alten Lübecker Hafen. Dort traf ich kurz nach Beginn des Galaabends um 20.00 Uhr ein -mit rund 600 Foto-Abzügen für die Teilnehmer und noch im Polohemd und Jeans kräftig verschmuddelt – direkt aus dem Straßengraben. Die fein gekleideten Gala-Gäste nahmen es mir nicht übel. Sie freuten sich über die Fotos. OCC-Chef Thomas Sühr meinte bei seiner kurzen Ansprache, dass ich wohl mal Kriegsberichterstatter gewesen sein müsse – wegen meiner Vorliebe für Aufenthalte in Gräben.
Bei der Siegerehrung beschäftigten mich neben dem guten Essen vom üppigen Büffet vor allem meine Mückenstiche. Sie begannen kräftig zu jucken. Zwei Tage später war ich von Pusteln übersät. Immerhin: 57 Mückenstücke zählte ich bei der Großen Inspektion- die Mücken in Mecklenburg-Vorpommern sind offenbar sehr, sehr hungrig....
PS.: Sie wollen noch mehr davon sehen, was ich alles vor der Linse hatte? In der Fotogalerie haben wir 60 von rund 2.000 Fotos zum Blättern ausgewählt.