Diesel-Spezial, Teil 5: Diesel-Personenwagen von Mercedes-Benz bis zum 2. Weltkrieg
Autor/Redaktion: Hermann Ries · 27. Mai 2011
1926 – Die Vorgeschichte des Mercedes-Benz 260 D
Es ist eine Sensation, was Mercedes-Benz im Februar 1936 auf der Internationalen Automobil- und Motorradausstellung in Berlin zeigt: Im Typ 260 D (Baureihe W 138) erobert der Dieselmotor den Pkw. Im Jahr der Olympiade stellen die Stuttgarter dieses Modell als den ersten in Serie gebauten Diesel-Personenwagen der Welt vor. Ausgestattet ist der Vierzylindermotor mit einer Bosch-Einspritzpumpe, die höhere Drehzahlen und eine schnellere Kraftstoffversorgung ermöglicht. Der 2,6-Liter-Motor hat eine Verdichtung von 1 : 20,5 und liefert 33 kW (45 PS) bei 3200/min.
Der erste Diesel-Pkw der Welt ist das Ergebnis intensiver Forschung, die mit der Fusion von DMG und Benz & Cie. im Jahr 1926 begonnen hat. Zunächst wird in der jungen Daimler-Benz AG ein neuer Sechszylinder-Dieselmotor für Lkw entwickelt. Das Aggregat wird kontinuierlich verbessert, Leistung und Drehzahl steigen – Anfang der 1930er-Jahre schaffen die Dieselmaschinen bereits 2000/min.
Langstreckenqualitäten: Werbung für den Mercedes-Benz 260 D (W 138) aus dem Jahr 1936.
1934 – Vierzylinder-Diesel für Pkw
Die hohe Drehzahl ist eine wichtige Voraussetzung für die Übernahme des Diesels in den Pkw. Denn der Selbstzünder soll bei seiner Premiere im Personenwagen dem Benzinmotor möglichst nahe kommen. Allerdings sind Dieselmotoren noch immer deutlich schwerer und laufen unruhiger als Ottomotoren. Der erste Pkw-Diesel-Versuchsmotor, ein 3,8-Liter-Sechszylinder mit 60 kW (82 PS) Leistung bei 2800/min, erweist sich mit seinen starken Vibrationen auch prompt als zu unruhig für das Fahrgestell des Versuchswagens.
In der Folge entstehen verschiedene Versuchsmotoren wie 1934 der Dreizylinder-Diesel OM 134, ein wassergekühltes Dreizylinderaggregat mit 22 kW (30 PS), das in Fahrzeuge vom Typ Mercedes-Benz 160 V eingebaut wird. Die sechs Versuchswagen (Baureihe W 134) erhalten die Typenbezeichnung Mercedes-Benz 175 D, karossiert sind sie als Limousine sowie als Cabriolet B und C. Die Schwingungsprobleme des Dreizylinders sind aber nicht beherrschbar. Im gleichen Jahr entstehen deshalb vier mit einem Vierzylindermotor OM 141 (26 kW/35 PS) ausgerüstete Versuchsfahrzeuge des Typs 175 DX (Baureihe W 141). Weitere Dieselversuche unternehmen die Konstrukteure unter anderem mit den Modellen Mercedes-Benz 130 H und Mercedes-Benz „Mannheim“.
Im November 1934 entscheiden sich die Mercedes-Benz Ingenieure dann für einen anderen Weg und setzen statt auf eine komplett neue Entwicklung auf die Veränderung des bewährten Sechszylinders aus dem Nutzfahrzeug. Für den Betrieb im Personenwagen wird die Maschine auf das Maß eines Vierzylinder-Diesels mit 2,6 Liter Hubraum reduziert. Die weich ablaufende Verbrennung nach dem Vorkammerverfahren ist mittlerweile perfektioniert, unter anderem durch den Einsatz einer Vierstempel-Einspritzpumpe von Bosch. Der Vierzylinder hat, ganz modern, schon hängende Ventile und entwickelt seine Maximalleistung von 33 kW (45 PS) bei 3000/min. Eine fünffach gelagerte Kurbelwelle trägt zur wirkungsvollen Schwingungsdämpfung bei und ermöglicht zudem die hohe Drehzahl. Damit sind die Ingenieure endlich am Ziel.
Der 2,6 Liter große Vierzylinder-Dieselmotor OM 138 leistet 45 PS/33 kW und treibt den ersten serienmäßigen Diesel-Pkw der Welt an, den Mercedes-Benz Typ 260 D (W 138).
1936 – Liebling der Taxibetreiber
Ende 1935 beginnt die Serienproduktion des Modells 260 D. Eingebaut wird der Motor OM 138 in das Fahrgestell der Mercedes-Benz Baureihe W 21. Der so entstehende Mercedes-Benz 260 D verbraucht durchschnittlich 9,5 Liter Dieselkraftstoff für 100 Kilometer – der eng verwandte Typ 200 schluckt auf derselben Distanz 13 Liter Benzin. Eine Tankfüllung reicht für 450 bis 500 Kilometer, was bei dem damaligen weitmaschigen Tankstellennetz nicht ohne Bedeutung ist. Zudem liegt der Kraftstoffpreis für Diesel in Deutschland mit 24 Pfennig je Liter deutlich unter dem für Benzin, das 39 Pfennig kostet. Und wer als Taxifahrer einen Personenbeförderungsschein besitzt, kann sogar verbilligten Diesel zu 19 Pfennig tanken. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h ist der Mercedes-Benz 260 D außerdem bei aller Wirtschaftlichkeit durchaus flott unterwegs, der Typ 200 schafft auch nur 98 km/h.
Der weltweit erste Diesel-Pkw wird auf dem Fahrgestell des sechssitzigen Landaulets der Baureihe W 21 (Mercedes-Benz 200 und 230) aufgebaut. Stolz preist der Verkaufsprospekt die Verbindung aus modernem Personenwagen und Dieseltechnik an: „Es lag nahe, dass sich die Daimler-Benz A.G. aufgrund der großen Erfolge im Personenwagen- und Dieselnutzfahrzeugbau auch eingehend mit der Frage des Personenwagendiesel-motors beschäftigte. Das Ergebnis ist der Mercedes-Benz Typ 260 D […], der die großen Vorteile des Dieselmotors mit den unverkennbaren Annehmlichkeiten des Schwingachspersonenwagens vereint.“
Der erste serienmäßige Diesel-Pkw der Welt, der Mercedes-Benz Typ 260 D (W 138), in der Karosserieversion als Landaulet mit geöffnetem Dachteil. Die Pullman-Ausführungen sind als Taxi beliebt.
Bereits im Herbst 1935 werden die ersten 170 Fahrzeuge ausgeliefert, bevor 1936 die eigentliche Serienfertigung beginnt. Schnell setzt sich der 260 D als ideales Taxi durch. Günstig im Unterhalt, robuste und langlebige Motoren, eine geräumige Karosserie (auch in spezieller Droschken-Ausführung mit bis zu sieben Sitzen): Das sind die Argumente, mit denen der neue Mercedes-Benz das Taxigewerbe überzeugt. Motordroschken auf Basis des 260 D sind noch bis in die 1950er-Jahre weit verbreitet. Außerdem arbeitet der 33 kW (45 PS) starke 2,6-Liter-Diesel auch in den Transportern der Typen L 1100 bis L 1500, die in Stuttgart und Mannheim gebaut werden.
Tankstellenszene mit einem Mercedes-Benz Typ 260 D (W 138) aus einem Serviceprospekt. Diesel-Zapfsäulen sind noch selten und bisher Lastwagen vorbehalten.
1937 – Diesel-Pkw für Privatkunden
Positiv fällt den Zeitgenossen auf, wie leise dieser Diesel-Pkw ist. Auch private Kunden lassen sich von den Tugenden des Mercedes-Benz 260 D überzeugen und kaufen den Wagen mit Selbstzünderantrieb. Das gilt vor allem, nachdem 1937 der Motor nochmals überarbeitet wird und das Modell eine neue Karosserie erhält.
Als neues Fahrgestell dient dem 260 D ab 1937 die Mercedes-Benz Baureihe W 143. Neben Landaulet und Pullman-Limousine entstehen auch zwei- und viertürige Cabriolets sowie ein offener Tourenwagen. Bis 1940 werden rund 2 000 Stück des ersten Diesel-Pkw der Welt gebaut – keine große Zahl, aber genug, um den Diesel-Personenwagen salonfähig zu machen und ihm auch für die Nachkriegszeit den Weg zu ebnen. Dank der Weitsicht seiner Schöpfer und vor allem dank der kontinuierlichen Weiterentwicklung hat sich der Diesel-Pkw einen festen Platz in der Mercedes-Benz Modellpalette erobert.
Ab 1937 auch für Privatkunden und als Cabriolet erhältlich: Mercedes-Benz Typ 260 D, 45 PS, Cabriolet B, Bauzeit: 1937 bis 1940.
In Teil 6 des Diesel-Spezials geht es um Mercedes-Benz Personenwagen mit Dieselmotoren bis zum Jahr 1980.