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Nicht von der Stange: Konfektionäre in Bremen
Autor/Redaktion: Uschi Kettenmann · 27. Januar 2011
Ein Plexiglas-Schiebedach als Sonderausstattung? Fischsilberblaue Lackierung? Selbstverständlich. Flugzeuginstrumente im Cockpit, gerundete Kühlermaske, vollversenkbares Dach, Gepäckbrücke unter der Fahrertür, eine so geschwungene wie schwülstige Karosserie – kein Problem, wenn genug Kleingeld vorhanden ist. Aber das war nie ein Thema für Prominente wie Prinz Bernhard der Niederlande, Rudolf Caracciola, Bernd Rosemeyer, Ernst Udet, Emil Jannings, Ernst Heinkel, Werner von Siemens und den König des Irak. Die bestellten eben kein Auto von der Stange, sondern ließen sich ihre Wunschkarosserien maßschneidern. In diesem Fall allesamt bei dem wohl edelsten aller deutschen Karosseriebauer, dem Berliner Unternehmen Erdmann & Rossi. Allein in Deutschland gab es in der Hoch-Zeit der Individualisierung – den 20er und 30er Jahren – über 300 dieser Spezialisten. Grund genug für die Bremen Classic Motorshow, ihr diesjähriges Länderthema den deutschen Sonderkarosserien zu widmen. Rund ein Dutzend seltener und außergewöhnlich schöner Aufbauten sind vom 4. bis 6. Februar 2011 in den Hallen der Messe Bremen zu sehen.
Mercedes-Benz 540 Kompressor Cabriolet 1938 Karosserie Erdmann & Rossi.
Kommt aus dem Cité de l’Automobile in Mulhouse: Mercedes-Benz 540 Kompressor Cabriolet von 1938 mit einer Karosserie von Erdmann & Rossi.
Selbstverständlich auch eine Arbeit von Erdmann & Rossi: ein Mercedes-Benz 540 Kompressor Cabriolet von 1938 aus dem berühmten Museum der Schlumpf-Brüder. Einer der ganz frühen Fans der 1898 von Willi Erdmann gegründeten Firma war übrigens Kaiser Wilhelm II. Der bestellte schon im ersten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts seine Geschenke für ausländische Staatsgäste an der Spree. Ganz so alt ist die Historie der Ravensburger Schmiede Spohn nicht. Hermann Spohn gründete sein Unternehmen 1920 und wurde bald bekannt dafür, Maybach-Chassis einzukleiden. So schuf er 1937 auch das zweitürige Maybach Zeppelin DS 8 Sport Cabriolet. Das Einzelstück wurde von einer Hamburger Familie geordert und befand sich jahrzehntelang von der Öffentlichkeit ausgeschlossen in der Hansestadt, bevor es der französische Automobilfachmann André Lecoq in den 1970er Jahren erwarb, restaurierte und es an einen deutschen Liebhaber verkaufte. Zuletzt war dieses Unikat vor sechs Jahren in Italien zu sehen.
Maybach Zeppelin Sport Cabriolet 1937 Karosserie Spohn
Karossiert von Spohn in Ravensburg: Maybach Zeppelin Sport Cabriolet
Ebenfalls aus den dreißiger Jahren stammen die Exponate von Ambi-Budd, Gläser und Hebmüller. Ambi-Budd schuf mit dem Adler Autobahn 2,5 Liter Sport aus dem Jahr 1938 die aerodynamische Karosserie auf einem Adler-Fahrgestell, um Vielreisenden eine angenehme Fahrt zu ermöglichen mit geringerem Treibstoffverbrauch und weniger Windgeräuschen, als es die älteren Karosserien mit steil stehenden Kühlern und eckigen Formen vermochten. Adler selbst hatte bereits die Motoren standfest gemacht für die neue Art des Reisens. Mehr als 100 Stück (die Sportlimousine baute Buhne, die Cabrios Karmann) wurden allerdings nicht hergestellt.
Hanomag Sturm Cabriolet 2000km durch Deutschland 2010.
Hanomag Sturm Cabriolet bei der 2000km durch Deutschland 2010.
Die Dresdner Firma Gläser (1864 von Carl Heinrich Gläser als Hersteller von Kutschen und Pferdeschlitten gegründet) nahm sich 1937 Hanomag vor und baute das etwa 80 PS starke Hanomag Sturm Cabriolet. Es war der Versuch, der eher biederen Marke eine sportliche Note zu verschaffen, denn die technische Basis war besonders in Sachen Motoren, Fahrwerk und Bremsen Herstellern wie Mercedes und Audi gleichzusetzen. Ebenso auf der Sonderfläche: Ein Horch 930 V Spezial Roadster mit Gläser-Karosserie
Hebmüller – hauptsächlich bekannt durch die ersten VW-Käfer-Cabriolets – karossierte 1934 auf besonderen Kundenwunsch einen Ford Rheinland und schuf mit der Pullmann-Limousine eine Langversion. Heute ist der einzig noch existierende Wagen im Besitz von Klaus Hebmüller, Enkel des Firmengründers Josef Hebmüller, der 1889 den Stellmacher-Betrieb in Barmen von dem Vorgänger übernommen hatte.
Goliath GP 700 Sport Rometsch Karosserie
Bremer mit Berliner Außenhaut: Goliath GP 700 Sport.
Auch wenn die Blütezeit der Karossiers mit dem Zweiten Weltkrieg endete, versuchten sich auch danach diverse Firmen im individuellen Einkleiden von Fahrgestellen, obwohl nun viel mehr Hersteller Komplettautos anboten. Ein Beispiel ist der Goliath GP 700 Sport von Rometsch (gegründet 1924 von Friedrich Rometsch in Berlin-Halensee). Doch 1952 hatten die Autofahrer anderes im Kopf als nette Karosserien auf kleinem Chassis: Sie wollten günstige Mobilität. Da Wagen mit Sonderkarosserien erheblich mehr kosteten als das Basisauto, musste Rometsch die Hoffnung auf den Serienbau aufgeben.
Volkswagen Typ 3 1500 Cabriolet Karmann Karosserie
Karmann baute nicht nur Käfer Cabrios: Volkswagen Typ 3 1500 Cabriolet.
An den Preisen scheiterte auch der Osnabrücker Karosserie-Profi Karmann mit dem vom italienischen Karosseriespezialisten Fissore gezeichneten Edel-Cabrio Opel Diplomat im Jahr 1971. Die Kosten für so einen Umbau waren so hoch, weil sowohl die Karosserie extrem versteift als auch eine wasserdichte Dachkonstruktion ersonnen werden musste. Wohl nur eine Handvoll dieser Autos wurden gebaut – einer steht auf der Bremen Classic Motorshow. Ebenso wie ein Volkswagen 1500 Typ 3 als schickes Karmann-Cabriolet, ein Opel Commodore A GS Deutsch-Cabriolet von 1968 und aus dem Jahr 1955 ein 502 BMW Cabrio, angefertigt von Baur in Stuttgart.
BMW 502 Cabriolet Karosserie Baur
Schwäbischer Bayer: BMW 502 Cabriolet von Baur.
Wer sich übrigens für Sondermotorräder interessiert, ist auch in Bremen richtig: Zu sehen ist eine große Anzahl von „Konfektionären“ – deutsche Motorräder mit Einbaumotoren, wie zum Beispiel eine Diamant F 500 der Elite-Diamantwerke Chemnitz, Bj. 1929 mit Kühne-Motor und Hurth-Getriebe und eine Urania der Urania-Fahrrad-Werke Paul Tanner o.H.G. Cottbus, Bj. 1938 mit Motor von Fichtel & Sachs, Schweinfurt.
Diamant F 500 von 1929 Urania von 1938.Diamant F 500 von 1929 Urania von 1938.
Diamant F 500 von 1929 und Urania von 1938.
Kategorie(n):
Events
Oldtimer
© Fotoquelle / Bildrechte: Cité de l‘Automobile, Halwart Schrader, KWD, 2000 km durch Detschland, Peter Kurze, Volkswagen AG, Messe Bremen
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