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Hermanns Gerüchteküche: Über Mauerblümchen und ehrenamtliches Engagement
Autor/Redaktion: Hermann Ries · 18. März 2010
Beim Besuch der diesjährigen Retro Classics vom 12. bis 14. März 2010 stiegen beim Gerüchtekoch Erinnerungen an seine Teenager- und Twen-Jahre hoch: Damals reifte in mir die Erkenntnis, dass die vermeintlichen Mauerblümchen ihre Qualitäten und besonderen Reize oftmals nur versteckten. In der Tanzschule und auf Partys entpuppten sie sich häufig als die sowohl temperamentvollsten wie anschmiegsamsten Tänzerinnen, die ihre stark geschminkten, extrovertierteren Konkurrentinnen mit Esprit, Charakter und Bildung übertrumpften – und einen am nächsten Morgen sogar noch mit einem liebevoll zubereiteten, kräftigenden Frühstück verwöhnten.

Ein solches Mauerblümchen entdeckte ich in Halle 1 der Retro Classics – im übertragenen Sinn: Während Alfa Romeo in Halle 6 – wie eine stark geschminkte Diva – zum 100sten Firmenjubiläum eine große Palette seltener und spektakulärer automobiler Raritäten publikumsträchtig und professionell präsentierte, zeigte der Allgemeine Schnauferl Club (ASC) auf der von nur relativ wenigen Messegängern besuchten Empore in Halle 1 eine auf den ersten Blick unscheinbare Parade von neun Klassikern.
Retro Classsics 2010: ASC-Stand
Retro Classsics 2010: Auf dem eher unscheinbar gestalteten ASC-Stand waren seltene Klassiker zu bewundern.
Erst bei genauerem Hinsehen verlor der ASC-Stand seinen Mauerblümchen-Habitus: Denn was der Club dort an historischen Automobilen aufgefahren hatte, war alle Achtung wert. Was zuerst aussah wie eine wahllos zusammengewürfelte Sammlung alter Autos, entpuppte sich als Kollektion ganz besonderer Klassiker, die alle eine Gemeinsamkeit hatten: Sie alle sind Unikate, Einzelstücke mit besonderer Historie, wie der gewaltige Maybach mit von Spohn nach dem Zweiten Weltkrieg gefertigter Ponton-Karosserie, über dessen ästhetische Reize man trefflich streiten kann. Oder der Loreley L4A Doppelphaeton, Baujahr 1913, der mit der Blockbauweise von Motor und Getriebe seinerzeit zu den innovativsten Autos zählte. Oder der Mercedes 170 V, der 1946/47 von der Firma Sodomka in Visoke Mito (Tschechien) mit einer Cabriolet-Karosserie versehen wurde.

Für Kenner sind diese Autos echte Leckerbissen – doch gingen sie im Messetrubel weitgehend unter. Denn der ASC-Stand war, wie auch in den Jahren zuvor, sehr unscheinbar gestaltet und lag abseits der Besucherströme. Dennoch verdient der ASC-Stand alle Achtung. Und die Qualität der Schnauferl-Präsentation verdient noch mehr Hochachtung, wenn man bedenkt, dass die ASC-Schau nicht von Profis organisiert wurde, sondern von einem ehrenamtlich tätigen Schnauferl-Bruder auf die Räder gestellt wurde.

Schnauferl-Bruder? Ja: Die Mitglieder des 1900 gegründeten Allgemeinen Schnauferl Club titulieren sich als Schnauferl-Bruder, abgekürzt SB. Die erst seit wenigen Jahren im Club zugelassenen Frauen werden übrigens nicht als Schnauferl-Schwestern bezeichnet, weil deren Abkürzung dann SS lauten würde – sie werden als Schnauferl-Damen geachtet. Wie auch immer: Schnauferl-Bruder Jürgen Ockens, Elektro-Ingenieur, Mitgesellschafter der Elektronik-Testgeräte-Firma IS-Test und Chef der Beratungsfirma Implement GmbH im bayerischen Nandlstadt, hat sich um die Organisation der ASC-Raritäten gekümmert.

Wie auch in den vergangenen Jahren ist Ockens Initiator, Organisator und treibende Kraft der Präsentation bei der Retro Classics. In seiner kargen Freizeit hat er bei seinen Schnauferl-Brüdern die Autos zusammengesucht, sie bekniet, ihre Schätze für die Retro-Präsentation zur Verfügung zu stellen – und das alles ohne Bezahlung. Die Freude an alten Autos, der Drang, diese Freude mit anderen Oldtimer-Enthusiasten zu teilen und eine Portion Sendungsbewusstsein sind Ockens treibende Kräfte, geben ihm die Motivation, viel Zeit zu investieren und große Mühen auf sich zu nehmen. Geholfen haben ihm dabei, wie auch in den vorigen Jahren, seine Frau und einige sehr versierte und engagierte Helfer vor Ort.

Doch leidet er ein wenig unter dem Mauerblümchen-Dasein „seines“ Standes: „Die wenigsten Messe-Besucher entdecken unsere Präsentation, und selbst die Jury, die für die Preisvergabe für die besten Exponate zuständig ist, kommt manchmal erst nach der Preisverleihung“, erläutert der Schnauferl-Bruder. Zugegeben: Durch die sehr zurückhaltende Darstellung des Clubs musste auch der Gerüchtekoch zweimal hinschauen, um zu entdecken, dass das ASC-Mauerblümchen eher ein schöner Schwan denn ein hässliches Entlein ist.

Doch das genaue Hinschauen lohnt sich: Die ASC-Schnauferl der Retro Classics sind wertvolle automobile Zeugen der Geschichte, die viele automobile Entwicklungen verständlich machen – oder es einfach nur wegen ihrer interessanten Erscheinung wert sind, beachtet zu werden.

Für diejenigen, die keine Gelegenheit hatten, die ASC-Präsentation zu bewundern, stellt der Gerüchtekoch die einzelnen Autos nachfolgend mit den Beschreibungen des ASC vor – in dieser Folge der Gerüchteküche sind es vier der neun Exponate, in der nächsten Gerüchteküche gehe ich ausführlich auf die restlichen fünf ASC-Klassiker ein.
ASC-Stand Adler Autobahn
Adler 2,5 Liter Autobahn mit Gläser-Karosserie.
Adler 2,5 Liter (Autobahn) mit Gläser – Karosserie, Baujahr 1938
Der 1937 vorgestellte neue Adler „Stromlinie“ mit 2,5 l Hubraum war die Sensation in der Autowelt; er ermöglichte auf dem zügig ausgebauten Autobahnnetz eine Höchstgeschwindigkeit von über 125km/h mit dem bewährten 6-Zylinder ohv-Motor mit 58 PS und erhielt daher den Beinamen „Adler Autobahn“.

Die Entwicklung wurde maßgeblich beeinflusst von Karl Jenschke, der von Steyr kam und dort den erfolgreichen Steyr 50 (Baby) entworfen hatte. Die viertürige Adler 2,5 Liter Limousine wurde zwischen 1937 und 1940 ca. 5.300 mal bei Ambi-Budd in Berlin gebaut. Außerdem gab es einige wenige Cabriolets von Karmann sowie eine Sportlimousine von Buhne.

Das bei der Retro Classics ausgestellte Fahrzeug hat eine Karosserie von Gläser in Dresden, die fast ausschließlich Cabriokarosserien für NSU/FIAT, Opel, Steyr sowie die Auto-Union-Marken Wanderer, Audi und Horch herstellten. Dieses „Autobahn-Coupé“ ist ein Einzelstück, dass lange Zeit als verschollen galt.
Maybach SW 38/42 mit Spohn Karosserie
Maybach SW 38/42 mit Spohn Karosserie
Maybach SW 38/42 mit Spohn Karosserie
Der bei der Retro Classics vom ASC ausgestellte Wagen hat bereits eine Wiedergeburt hinter sich: am 21. April 1938 als Pullman-Limousine (von Spohn karossiert) in graugrün mit schwarzen Kotflügeln und beigem Cordstoff an Thyssen ausgeliefert, wurde er 1950 an Maybach zurückgesandt.

Dort wurde die alte Karosserie entfernt, das Fahrgestell generalüberholt und der Motor gegen einen neuen HL 42 ausgetauscht. Spohn versah den Wagen dann mit einem 4-türigen und 4-5 sitzigen Cabriolet-Aufbau. Dies war das erste „Spohn-Ponton-Cabriolet“ der Nachkriegszeit, das Design wurde stark von Brooks Stevens beeinflusst.

Die Umbaukosten waren für damalige Zeiten astronomisch: 38.000 DM, wobei man doch für 29.000 DM vier Jahre später schon einen Flügeltürer bekam! Aber – Flügeltürer gab und gibt es noch heute in größerer Zahl, dieser Wagen hingegen ist einmalig.

Über einige Umwege fand das Fahrzeug schließlich seinen Weg in das „Maybach – Museum“ in Neumarkt / Oberpfalz, welches dem ASC den Wagen für diese Messe freundlicherweise überließ. Von dem SW 38 wurden insgesamt ca. 800 Wagen gefertigt, alle praktisch Unikate. Noch 112 Exemplare in verschiedensten Versionen existieren.
Mercedes 170V B Cabrio mit Sodomka-Karosserie
Mercedes 170V B Cabrio mit Sodomka-Karosserie
Mercedes 170V B Cabrio mit Sodomka-Karosserie
Der 170 V des ASC-Standes wurde als Fahrgestell Typ 170 V im April 1937 nach Reichenberg (heute Liberec) ausgeliefert. 1946 – 47 wurde das durch Kriegseinwirkungen stark beschädigte Fahrzeug von der renommierten Karosseriebaufirma Sodomka in Visoke Mito (Tschechien) mit der hier gezeigten Karosserie wieder aufgebaut. Wie der Wagen vor dem Krieg aussah, ist nicht bekannt.

Sodomka war in den 30er Jahren einer der exklusivsten europäischen Karossiers, wie Saoutchik, Erdmann & Rossi, Gläser oder Hooper. Schon ab 1932 griff Josef Sodomka die Idee der Stromlinienform auf, indem er einen Austro-Daimler karossierte und auf internationalen Ausstellungen zeigte. Im Laufe der Zeit kleidete er viele französische, britische, deutsche und amerikanische Fahrzeuge ein, unter anderem einen Lasalle für das britische Königshaus, einen Studebaker Commander für einen nahöstlichen Regierungschef und einen preisgekrönten Bugatti 49, der in die Schweiz ging.
Loreley L4A Baujahr 1913 Doppelphaeton
Loreley L4A Baujahr 1913 Doppelphaeton
Loreley L4A Baujahr 1913 Doppelphaeton
Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen Rudolf Ley in Arnstadt und Adam Opel: hier wie dort begann man mit der Produktion von Nähmaschinen, der Gründer erlebte die ersten eigenen Automobile nicht mehr, die vier Söhne führten die Firma erfolgreich weiter. Die Firma produzierte noch in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts als VEB unter anderem Maschinen für die Schuhproduktion.

Rudolf Ley starb 1901; schon 1905 baute man einen Prototyp mit 1,2 Liter Hubraum und vier Zylindern. Die Fahrzeuge hatten einen sehr guten Ruf, bis zu 60% der Produktion wurden bis nach Australien und China exportiert. Innovativ war die Blockbauweise von Motor und Getriebe, die man sonst nur noch bei Adler fand; Fahrwerk und Bremsen waren allerdings Standard, die Fußbremse wirkt nur auf die Kardanwelle, die Handbremse auf die Hinterräder.

Das ausgestellte Fahrzeug ist vollständig dokumentiert: Es wurde im März 1913 für einen Listenpreis von 6.794 Reichsmark gekauft und stellte mit 1,5 Litern, 18 PS bei 1800 Umdrehungen und einer Höchstgeschwindigkeit von 60km/h ein Fahrzeug der Mittelklasse dar.

Im Dezember 1918 ging nichts mehr: ob durch Frostaufbruch oder Ölverlust, mindestens ein Zylinder blockierte. Der Wagen wurde zur Reparatur ins Werk geschickt. Die Reparatur war mit 2,75 RM Stundensatz angeboten, die Inflation sorgte für einen Teuerungszuschlag von 125%!! So kostete die überholte Maschine schließlich insgesamt 436,50 RM, inklusive der Kosten für zwei neue Kolben. Es hat sich gelohnt: Der überholte Motor läuft seit über 90 Jahren klaglos.
Retro Clasics Halle 1
"Im Vergleich zu den von der Empore sichtbaren Exponaten in der Halle 1 wirken die ASC-Autos eher unscheinbar..."
Klar – im Vergleich zu den von der Empore sichtbaren Exponaten in der Halle 1 vom Schlage eines Mercedes-Benz 540 K auf dem Stand von Kienle Automobiltechnik oder dem Horch 853 Cabriolet bei Horch Classic GmbH oder dem Cadillac V16 bei Mirbach wirkt so ein Loreley eher unscheinbar – doch hat er für den Automobilbau in Deutschland eine wichtigere Rolle gespielt, als der Ami-Wagen mit dem Sechzehnzylinder-Motor. Der Loreley hat nur einen Fehler: er kann sich nicht so imposant in Szene setzen. Insofern wird er ein Mauerblümchen bleiben.

Doch Menschen Blick für das Außergewöhnliche werden die besonderen Qualitäten solcher Mauerblümchen zu schätzen wissen – und der „Wictionary“-Erklärung von „Mauerblümchen“ zustimmen. Dort heißt es: „Mauerblümchen: Eine weibliche (selten auch männliche) Person, die ihre sexuellen oder anderweitig positiven Vorzüge nicht richtig zum Ausdruck bringt bzw. diese vermeintlich gar nicht besitzt, und deswegen auf das andere Geschlecht eher unauffällig wirkt.“

In der nächsten Gerüchteküche stelle ich Ihnen die weiteren Mauerblümchen des ASC-Standes vor.
Kategorie(n):
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© Fotoquelle / Bildrechte: Hermann Ries
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Kommentare
Thorsten Siems schrieb: (18.03.2010)
...wieder extrem lecker zubereitet, Sie Meisterkoch! Aber der noch größere Dank gilt dem Schnauferl-Bruder Ockens, der hier dafür gesorgt hat, dass mal etwas AUSSERGEWÖHNLICHES auf den Tisch kommt!
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