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Made in Germany – von ausländischen Händen
Autor/Redaktion: Uschi Kettenmann · 22. Dezember 2011
Ohne Gastarbeiter hätte NSU in den 1960ern schließen müssen. Und: Das Auto, der Deutschen liebstes Kind, wurde in Neckarsulm Anfang der 1970er Jahre in erheblichem Umfang von ausländischen Händen gefertigt. Das sind zwei der vielen erstaunlichen Erkenntnisse nach der Lektüre eines neuen Buches zur Geschichte der Arbeitsmigration von Audi in Neckarsulm.
NSU Prinz 4 Produktion Neckarsulm
Produktion des Prinz 4 im Jahr 1972 – damals waren über 35 Prozent der Belegschaft in Neckarsulm Ausländer.
Drei Jahre Arbeit und viel Herzblut hat der Historiker Arnd Kolb in sein Buch „Autos, Arbeit, Ausländer“ investiert. Und eine Pionierarbeit abgeliefert. Er legt mit dem Titel nicht nur zum ersten Mal ein Werk sowohl zur Sozialgeschichte von Audi als auch zur Werksgeschichte von Neckarsulm vor. Erstmals greift eine Arbeit auch die Migrationsgeschichte in der Automobilindustrie auf.

Und die beginnt bei NSU schon vor dem Ersten Weltkrieg. Schon damals kamen aus vielen Ländern Ausländer zum Arbeiten nach Neckarsulm. Heute spricht man politisch korrekt von Personen mit Migrationshintergrund. Die Bezeichnungen haben sich gewandelt: Vom Saison- zum Fremdarbeiter, der im Nationalsozialismus Zwangsarbeit leisten musste, über Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg, den Gastarbeiter, der nur Gast sein sollte, bis zum ausländischen Arbeitnehmer und Mitbürger.

In der Automobilhistorie spielte die Beschäftigung von Ausländern bisher kaum eine Rolle. Zu Unrecht, wie Kolb spannend und anschaulich darlegt. Ohne Migranten hätte es NSU bis zum Ende der 1960er Jahre wahrscheinlich nicht mehr gegeben. Für die relativ kleine Automobilfirma waren die Arbeitskräfte unverzichtbar. Es war kaum Geld da, um in neue Maschinen zu investieren. NSU hätte auch keine so großen Kredite bekommen. So war Zuwanderung war die kapitalgünstigste Möglichkeit, die Produktion auszuweiten.

Über 40 Interviews mit Zeitzeugen hat Kolb befragt und etliche Archive durchforstet. Historische Fakten stellt er persönlichen Erzählungen (spannend: mit dem NSU in den Urlaub nach Hause) gegenüber und schaut auch immer wieder über den Tellerrand– nach Ingolstadt wie auch zu Volkswagen, Mercedes-Benz und Ford. Einzelne Textfenster vertiefen Themen wie den Lizenzbau von NSU-Motorrädern in Jugoslawien oder die Montage des Prinz in Portugal. Der nüchterne Untertitel „Die Geschichte der Arbeitsmigration des Audi Werks Neckarsulm“ wird dem Buch nur teilweise gerecht. Die reich bebilderte Dokumentation ist weit mehr: Die lebendige Historie eines Automobilwerks mit zeitgeschichtlicher Einbindung – und vor allem eine Geschichte der Menschen, die der Deutschen liebstes Kind mit ihren ausländischen Händen erschaffen haben.
Arnd Kolb: Autos - Arbeit – Ausländer. Die Geschichte der Arbeitsmigration des Audi Werks Neckarsulm.
Die bibliographischen Angaben:
Arnd Kolb: Autos - Arbeit – Ausländer. Die Geschichte der Arbeitsmigration des Audi Werks Neckarsulm.Reihe Edition Audi Tradition. Bielefeld: Delius Klasing 2011. 192 S., 229 Farb- und Sw-Abb., ISBN: 978-3-7688-3376-9.
19,90 Euro (D) / 20,50 Euro (A) / 31,90 sFr (CH)
© Fotoquelle / Bildrechte: Audi, Delius Klasing
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